Volksgemeinschaft gegen rechts?

Flugblatt derAG „no tears“, Halle, an die Antifas in Dresden am 13.02.

Findest Du es merkwürdig, dass es niemanden in Deutschland zu geben scheint – von der autonomen Antifa über die Gewerkschaften bis hin zur CDU –, der es nicht „unendlich wichtig“ findet, sich dem heutigen Naziaufmarsch, wenn auch auf unterschiedliche Weise, entgegenzustellen: so, als stünde die NPD kurz vor einer Machtübernahme? Hast Du kein Problem damit, Dich bei Deinem Protest von solch unnachahmlichen Nervensägen wie Claudia Roth oder Konstantin Wecker anführen zu lassen? Findest Du es nicht komisch, hier mit genau denjenigen zusammenzusitzen, die sich heute Abend an der Frauenkirche unendlich betroffen über die „Sinnlosigkeit des Krieges“ zeigen werden: so, als wäre der Zweite Weltkrieg von alliierter Seite nicht mit dem größten Recht der Geschichte geführt worden? Nein? Dann ist Dir wohl nicht mehr zu helfen. Du kannst die Lektüre hier beenden. Setz Dich auf Deinen Hintern, kuschel Dich ins Blockadekollektiv, mach, was Dir der Bundestagsabgeordnete Deines Vertrauens sagt, der sicher nur wenige Meter von Dir entfernt friert, und komm Dir unglaublich widerständig vor. Wenn Du es hingegen gruselig findest, wie die Deutschen hier bei Eiseskälte parteiübergreifend zusammenrücken, als müsste der Kessel von Stalingrad noch einmal – diesmal allerdings gegen die Richtigen – verteidigt werden, dann lohnt sich das Weiterlesen vielleicht.

Gibt es – abgesehen von den Anhängern der 1,5-Prozent-Partei NPD – eigentlich irgendjemanden in diesem Land, der nichts gegen den heutigen Neonaziaufmarsch hat? Der sächsische Ministerpräsident, der Innenminister, der Dresdner Oberbürgermeister, Mitglieder des Landtages und der Stadtverwaltung wollen sich in eine Menschenkette einreihen, mit der die Altstadt vor den Nazis geschützt werden soll. Der Aufruf des Bündnisses „Dresden nazifrei“ wird von mehr als zweitausend Menschen und knapp siebenhundert Organisationen unterstützt. Bundesweit fanden mehr als fünfzig Informations- und Mobilisierungsveranstaltungen statt. Aus sechzig Städten fuhren Busse nach Dresden. (Allein aus Berlin waren mehr als zehn Busse angekündigt.) Selbst der Dresdner Staatsanwalt Avenarius, der dem Blockade Bündnis „Dresden nazifrei“ arge Schwierigkeiten zu machen versuchte und dafür selbst in der FAZ für Verwunderung sorgte, tat dies nicht aus Sympathie mit den Nazis, sondern allenfalls, weil die Uhren in Sachsen dann doch noch etwas anders gehen als z.B. in Nordrhein-Westfalen – weil das neue Deutschland im Freistaat also noch nicht so richtig angekommen ist und möglicherweise nie vollständig ankommen wird. Er erklärte, sich trotz seiner juristischen Vorbehalte gegen eine Blockade der Nazidemonstration zumindest an der Menschenkette um die Innenstadt beteiligen zu wollen.
Wenn die Bundesbürger so einig gegen einen Feind zusammenrücken, dann heißt das zwar nicht unbedingt, dass dieser Feind sonderlich sympathisch sein muss. Dem Trachtenverein, der heute durch Dresden zieht, ist selbstverständlich alles Schlechte zu wünschen. Trotzdem ist bei volksgemeinschaftlichen Zusammenkünften der Deutschen Vorsicht und Skepsis geboten – auch dann, wenn sie sich einmal ausnahmsweise gegen die größten Freunde solcher Zusammenkünfte richten.

Die alte Einheitsfront

Wer vor sieben oder acht Jahren gegen den Naziaufmarsch am 13. Februar protestierte – es waren nur einige marginalisierte Antifa-Gruppen – kam nicht umhin, auch das offizielle Gedenken an diesem Tag zu kritisieren. NPD und Co. waren allenfalls die Speerspitze der großen Gedenkgemeinschaft. Zwischen den Parolen der Nazis, den offiziellen Gedenkreden und den Verlautbarungen der Regionalpresse gab es, wenn überhaupt, höchstens graduelle Unterschiede. Man sprach gemeinsam vom „alliierten Bombenterror“ und setzte die Zerstörung Dresdens mit Auschwitz gleich. Vor diesem Hintergrund wurde der Naziaufmarsch am 13. Februar von offizieller Seite ignoriert. Zu stark hätte eine Kritik des braunen Aufzugs auch das eigene Gedenken infrage gestellt. Für Empörung sorgten dementsprechend weniger die offiziellen Freundinnen und Freunde des Luftmarschalls Göring, sondern eine Handvoll jüngerer Leute, die beim kollektiven Gruseln an der Frauenkirche Konfetti warfen und mit Sekt auf den Sieg der Alliierten anstoßen wollten.

Die neue Einheitsfront

Dieser Sektempfang, der aufgrund polizeilicher Gesichts- und Dresscodekontrollen vor der Frauenkirche kaum noch stattfinden kann, würde bei der versammelten Trauermeute zwar noch immer für die berühmten Genickschussforderungen sorgen. Insgesamt hat jedoch auch in Dresden eine Veränderung der Gedenk-Choreografie stattgefunden. Seit einigen Jahren sind nicht mehr die Nazis die Speerspitze der großen deutschen Erinnerungsgemeinschaft, sondern diejenigen, die den Naziaufmarsch behindern oder blockieren wollen.
So zieht das neue Deutschland seine Identität inzwischen weniger, wie noch vor einigen Jahren, aus der Relativierung der deutschen Schuld, dem Kleinreden der nationalsozialistischen Verbrechen und ihrer Aufrechnung mit dem sowjetischen Gulag, der DDR-Haftanstalt Bautzen oder dem Bananenmangel zwischen Rügen und Oberwiesental. Die Bombenangriffe auf deutsche Städte werden immer seltener entkontextualisiert und als Naturgewalt präsentiert, die über eine friedliche Stadt voller Christstollenbäcker und Kirschkernschnitzer hereinbrach. Sie werden vielmehr als Folge des deutschen Angriffskriegs gegen Polen, die Sowjetunion, Großbritannien etc. begriffen. Ex-Kanzler Schröder erklärte dementsprechend schon vor fünf Jahren, am 13. Februar 2005, dass den neonazistischen „Versuchen der Umdeutung der Geschichte“ mit „allen Mitteln“ entgegengetreten werden müsse: „Wir werden nicht zulassen, dass Ursache und Wirkung verkehrt werden. Verantwortung vor unserer Geschichte heißt eben auch, Untat und Leid nicht gegeneinander aufzuwiegen.“
Aus dieser Erinnerung an die deutschen Verbrechen zieht die Bundesrepublik auch unter Schwarzgelb ihr zentrales Selbstbewusstsein. Es gibt kaum eine außenpolitische Aktivität des neuen Deutschlands – vom Jugoslawienkrieg über die Proteste gegen den Irakkrieg bis zur merkwürdig changierenden Politik gegenüber den Drohungen des iranischen Mullahregimes, Israel vernichten zu wollen –, die nicht mit der deutschen Vergangenheit und der „besonderen deutschen Verantwortung aus der Geschichte“ gerechtfertigt werden. Gerade aus der deutschen Vorreiterrolle in Sachen Vergangenheitsbewältigung leitet Deutschland mit anderen Worten das Recht ab, sich im internationalen Rahmen als große moralische Instanz aufspielen zu können.

Proud to be Erinnerungsweltmeister

Gerade aus der großen Erinnerungsoffensive zieht das neue Deutschland freilich auch das Recht, der gefallenen Wehrmachtssoldaten und den Opfern an der so genannten Heimatfront „in würdiger Weise“, wie es im diesjährigen Aufruf der Dresdner Oberbürgermeisterin heißt, zu gedenken. So ist es zu erklären, dass im Schatten der bundesweiten Gedenkepidemie, des Rambazambas am 27. Januar und der Betroffenheit bei „Schindlers Liste“, „Das Leben ist schön“ und „Der Pianist“ auch NS-Bunker- und Durchhaltefilme wie „Der Untergang“ oder „Napola“ große Erfolge an den Kinokassen feiern können.
Diese Kombination aus „Bruch mit der Vergangenheit“ und „würdigem Gedenken“ an die deutschen Opfer ist inzwischen auch in die einschlägigen Erinnerungsrituale eingegangen:
● Am 13. Februar stellt sich, wie es in den diversen Kommandoerklärungen aus dem Rathaus oder der Zentrale von „Dresden nazifrei“ immer wieder sinngemäß heißt, das neue Deutschland zunächst seiner Vergangenheit, spricht von den deutschen Verbrechen und den Opfern: So wird im diesjährigen Aufruf der Dresdner Oberbürgermeisterin nicht nur erklärt, dass der Zweite Weltkrieg
„von Deutschland ausging“. Auch die Öffentliche Lesung der Namen der ermordeten Dresdner Juden, Sinti und Roma ist längst fester Bestandteil des Erinnerungsereignisses „13. Februar“.
● Auf einer zweiten Ebene wird der Bruch mit dieser Vergangenheit demonstriert – wofür kaum etwas besser geeignet ist als der Kampf gegen diejenigen, die sich offen zu ihrer NS-Begeisterung bekennen: die Teilnehmer des Neonaziaufmarschs.
● In ein einem dritten Schritt wird schließlich – mal aktiv an der Frauenkirche, mal mit einem verständnisvollen Text für die Trauergemeinschaft im linken Nachrichtenportal „Indymedia“ – der deutschen Opfer des Bombenangriffs gedacht.
Die zivilgesellschaftlichen Aktionen gegen den Naziaufmarsch sind damit, wie vor einigen Jahren in einer antifaschistischen Zeitschrift erklärt wurde, „nicht nur das vormittägliche Fakultativprogramm zum Kerzenhalten an der Frauenkirche. Ebenso wie die Verweise auf die deportierten Dresdner Juden und die deutsche Schuld sind sie inzwischen die zentrale Voraussetzung des neuen Gedenkereignisses ‚13. Februar‘. Gäbe es den Naziaufmarsch nicht, er müsste von der Zivilgesellschaft erfunden werden.“

Gute Deutsche versus böse Nazis

Die zentrale Grundlage dieser neuen Form des Erinnerns ist die Trennung zwischen guten Deutschen und bösen Nazis – nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Vergangenheit. „Nie wieder“, so erklärt das Blockade-Bündnis „Dresden nazifrei“ exemplarisch in seinem Aufruf, „werden wir den Anhängerinnen des verbrecherischen Naziregimes unsere Städte überlassen.“
Vor dem Hintergrund dieser Aufspaltung in gute Deutsche und böse Nazis müssen die alliierten Bombenangriffe auf deutsche Städte entweder, wie im Subtext des Blockadeaufrufs, als alliiertes Verbrechen präsentiert werden: „Der verbrecherische Krieg“, so die Initiatoren von „Dresden nazifrei“, „ging von Nazideutschland aus und kehrte 1945 nach Dresden zurück.“ (Soll heißen: An den Deutschen wurde plötzlich das durchexerziert, was sie kurz zuvor nach Polen oder in die Sowjetunion gebracht hatten – Gettoisierung, Vernichtungskrieg und Holocaust.) Oder es muss behauptet werden, dass die Angriffe in erster Linie der Rüstungsindustrie galten. Mit dieser Aussage wird allerdings eine neue Legendenbildung betrieben. So waren die zerstörten deutschen Innenstädte nicht die Kollateralschäden der alliierten Kriegführung, sondern die Wohnviertel zählten zu den zentralen Zielen der Royalund US-Air-Force. Hinter der alliierten Strategie des „moral bombing“ – des Angriffs der Deutschen in ihrem direkten Lebensumfeld – verbarg sich die Hoffnung, dass die Deutschen ihre Lage erkennen, ihre Führung zum Teufel jagen und insofern dafür sorgen, dass das Sterben an der Front und in den Lagern beendet wird.
Wer erklärt, dass die alliierten Bombenangriffe in erster Linie der Rüstungsindustrie galten, verstellt den Blick auf eine Reihe von Fragen, die für das Verständnis des Nationalsozialismus weitaus bedeutender sind als die Frage nach der Anzahl der kriegswichtigen Betriebe in Dresden, Hamburg oder Magdeburg. Und zwar: Warum funktionierte das „moral bombing“ in Italien und nicht in Deutschland? Warum gab es in Italien, Jugoslawien oder Griechenland riesige Partisanenarmeen, während in Deutschland nur kleine, vollkommen auf sich selbst gestellte Grüppchen und Individuen Widerstand leisteten? Warum konnten die Deutschen also auch durch Bomben nicht davon abgehalten werden, Juden zu ermorden, ihrem Führer Kinderwünsche anzutragen und bis zur offiziellen Kapitulation mitzumachen?
Die Antwort ist ebenso banal wie verpönt, weil sie auch die neue nationale Traditionsbildung, die sich hinter der hübschen Formel vom „würdigen Gedenken“ verbirgt, dementieren:
● Die Deutschen überließen „unsere Städte“ nicht einfach, wie die Initiatoren der heutigen Blockaden meinen, den Nazis, sondern vertrieben – ob NSDAP-Mitglied oder nicht – kollektiv die Juden aus diesen Städten.
● Die Nazis landeten nicht infolge eines „Marschs auf Berlin“, sondern eines Marschs durch die Stimmlokale im Reichstag. (Der Nationalsozialismus war mit anderen Worten keine herkömmliche Diktatur, die aus einem Putsch oder einem Bürgerkrieg hervorging, sondern eine barbarische Form direkter Demokratie.)
● In Deutschland gab es spätestens seit der klassen- und schichtenübergreifenden Beteiligung am Judenmord und dem kollektiven „Ja“ zum „totalen Krieg“ keine Zivilisten mehr, sondern nur noch Volksgenossen.

Was passiert also heute in Dresden?

1. Neonazis, die gesamtgesellschaftlich vollkommen marginalisiert sind, ihre Rolle als Stichwortgeber der deutschen Politik längst verloren haben, den gesellschaftlichen Trends mühsam hinterherhecheln und von einer Machtübernahme so weit entfernt sind, wie ein Rehpinscher von einer Kaktusfliege, ziehen in einer Art überdimensioniertem Familientreffen durch die Stadt.
2. Das neue Deutschland, das „wegen Auschwitz“ nach mehr Verantwortung auf internationaler Bühne verlangt, für das langjährige Appeasement gegenüber antisemitischen Regimes im Nahen Osten steht, an „fremden Kulturen“ vor allem ihre barbarischen Seiten zu schätzen weiß, NPD und Co. in Volksgemeinschaftsmanier als Gemeinschaftsschädlinge betrachtet und gegen Nazis mit einer Reinigungsmittel- und Kammerjägerrhetorik zu Felde zieht (Dresden soll „nazifrei“ werden, „braune Flecken“ sollen entfernt werden, „unsere Stadt“ soll vor dem „Eindringen Rechtsextremer“ geschützt werden etc.), die dem Wörterbuch des Unmenschen entliehen sein könnte, kurz: das „andere“ Deutschland, das einem Wort Eike Geisels zufolge vor allem „anders deutsch“ ist und sich mit seinen aktuellen und zukünftigen Repräsentanten einig weiß, hält unter Führung dieser Volksvertreter eines seiner zentralen identitäts- und gemeinschaftsstiftenden Selbstfindungsrituale ab. (Nicht umsonst sind Kamerateams aller größeren deutschen Fernsehanstalten angereist, um im Abendprogramm über die heldenmütige Verteidigung Dresdens gegen den braunen Schrecken zu berichten.) Am Vormittag signalisiert das neue Deutschland, dass es mit seiner Vergangenheit gebrochen hat: Die erlebnisorientierte Jugend liefert sich in den Seitenstraßen Scharmützel mit Nazis und Polizei, die weniger Sportiven spielen Stellungskrieg und versuchen, die Nazidemonstration zu blockieren, und die Gesetzteren verteidigen mit einer Menschenkette das Hinterland und werden dabei laut Stadtverwaltung von „mobilen Tee-Einheiten“ unterstützt. Daran anschließend fahren sie entweder mit gutem Gewissen nach Hause oder machen mit noch besserem Gewissen beim abendlichen Kerzenhalten an der Frauenkirche mit. (Nur ein paar Leute, die die Verwandlung der deutschen Erinnerungskultur allenfalls pflichtgemäß in ihren eigenen Mobilisierungstexten abhaken, ansonsten aber nichts davon wissen wollen, geben sich der Schizophrenie hin, am Abend zu bekämpfen, was sie am Vormittag mit auf den Weg gebracht haben.)
Wem es weder um Deutschland noch um das gemeinschaftsstiftende Frieren mit Isomatte und Thermoskanne geht, hat beim Dresdner „Gesicht zeigen gegen Nazis“ jedoch nichts zu suchen. Zumindest nicht, so lange gegen die Nazis im Namen des Kollektivs, eines Dresden-Patriotismus („unsere Stadt“) und eines neuen deutschen Gemeinschaftsgefühls aufgerufen wird. Wer die Nazis trotzdem nicht einfach Nazis sein lassen will – auch wenn ihnen öffentlich kaum noch jemand Verständnis entgegenbringt, stellen NPD und Co. gerade im ländlichen Raum nach wie vor eine ernstzunehmende Gefahr für Migranten, Punks oder Obdachlose dar –, kann sich auch in Jena, Greiz oder Eisenach darum bemühen, ihnen ihre Ankunft oder Abfahrt zu vermiesen: ohne sich als Statist für das große TVSpektakel „Die Wiedergutwerdung der Deutschen“ herzugeben.

ag „no tears for krauts“, 13. Februar 2010