Kein Frieden mit dem Dresden-Mythos

Eine Antwort des VK „Keine Versöhnung mit Deutschland“ auf „No pasarán“

In der vergangenen Ausgabe des AIB erschien unter dem Titel „Es geht weiter… Dresden 2010″ ein Text des Bündnisses „No Pasarán“ (NP). Darin wird versucht „ein Fazit zu ziehen, wie die antifaschistische Praxis in Zukunft gestaltet werden muss, um effektiv den Aufmarsch zum Verschwinden zu bringen.“ Als Lösung schlägt NP altbekanntes 1 vor: vorrangige Aufgabe der Antifa sei es nämlich „kontinuierliches“ und „spektrenübergreifendes Engagement aufzubauen“. Außer Frage steht, dass der Naziaufmarsch verhindert werden muss, in der Auseinandersetzung mit dem 13. Februar kann das aber nur ein Teilziel sein.

Problem verkannt?
NP sieht im Naziaufmarsch den Hauptansatzpunkt für die antifaschistische Auseinandersetzung und betrachtet die Situation ausgehend vom Credo, dass dieser verhindert werden muss. Diese Perspektive ist problematisch, weil sie weder die besondere Relevanz des Naziaufmarschs treffend beschreibt 2, noch eine Kritik des bürgerlichen Gedenkens zu leisten vermag. Zur Bedeutung des Naziaufmarschs, dessen Größe für jede/n NazigegnerIn Anlass genug sein sollte aktiv zu werden, heißt es bei NP, es sei der einzige Termin „der extremen Rechten, an dem in solchem Ausmaß an Kontinuitätslinien zum Nationalsozialismus angeknüpft werden kann.“ Dieser NS-Bezug ist jedoch zweitrangig bzw. ein positiver Nebeneffekt, in erster Linie knüpfen die Nazis an die Erzählung von den Deutschen als Opfer des Zweiten Weltkrieges an. Und diese Erzählung ist keine spezifisch nationalsozialistische, sondern eine aktuell deutsche, deren Ursprünge bereits in der nationalsozialistischen Propaganda liegen. Sie entfaltete aber ihre volle Wirkung erst im Nachkriegsdeutschland und entwickelte sich zu einem wirkungsvollen nationale Identität stiftenden, geschichtsrevisionistischen Mythos.

Dieser bietet eben auch den Nazis eine Bühne, auf der sie für ihre Version der Erzählung werben. Dabei unterscheidet sie sich von den bürgerlichen Varianten vor allem dadurch, dass sie Versöhnung ablehnt und für einen offen rassistischen Nationalismus plädiert. Das Projekt der NS-Volksgemeinschaft soll mit der Behauptung, dass die Deutschen „Opfer eines eliminatorischen Antigermanismus“ waren, von der Schuld der Shoa befreit und als kompromissloseste Option eines Nationalismus präsentiert werden. Der Hintergrund vor dem die Nazis ihre Propaganda anbieten, bleibt aber die Erzählung von den Deutschen als Opfer, die auch in ihren bürgerlichen Varianten die Relativierung der Schuld der Deutschen zum Ziel hat. Diese Parallelen geraten aus dem Blick, wenn in der antifaschistischen Auseinandersetzung mit Dresden, die Einordnung des Naziaufmarschs in den gesellschaftlichen Kontext unterbleibt. Die Folge ist, dass zwischen Nazi- und Bürgergedenken ein Gegensatz aufgemacht wird, der jedoch nur ein vordergründiger ist.

Wer blendet hier wen?
Seine Position zum Gedenken deutet NP nur vage an. Sehr allgemein wird ein „kritisch-distanzierter Umgang“ gefordert, worin dieser konkret bestehen soll, bleibt offen. Stattdessen wird der Dresdner Bevölkerung Unfähigkeit attestiert, „sich aus ihrer vermeintlichen Opferrolle zu befreien“ und eine „Verblendung“ beklagt, die sowohl Trauerfeiern als auch städtisches Vorgehen gegen antifaschistische Proteste bestimmen würde. Falsch ist diese Beschreibung wegen der Tendenz Stadt und Bevölkerung als passive, unmündige Wesen erscheinen zu lassen, die aufgrund falscher Informationslage falsche Entscheidungen treffen. Ihr (Nicht-)Handeln basiert aber zu einem großen Teil auf bewußter politischer Entscheidung und ist als solches auch ernst zu nehmen. Andernfalls wird sowohl die Vehemenz, mit der Stadtverwaltung, Polizei und CDU gegen antifaschistische Proteste agieren, verharmlost, als auch die Langlebigkeit des Dresden Mythos verkannt, der sich nicht einfach von wissenschaftlicher Widerlegung bremsen lässt 3. Von ihrer „Verblendungsthese“ ausgehend, ist die Zuversicht mit der NP auf die Versachlichungsbemühungen, durch Historikerkommission und Benennung der „Vorgeschichte“ der Bombardierung Dresdens, reagiert, folgerichtig 4.

NP verkennt so jedoch den Kern des Problems. Dieser Wandel im Gedenken ist u.a. dem Versuch geschuldet, der „Instrumentalisierung des Gedenkens“ durch die Nazis entgegen zu wirken. Die Abgrenzung muss jedoch scheitern, bleibt der eigentliche geschichtsrevisionistische Kern des Gedenkens doch unberührt. Wenn NP schreibt, „ein unreflektierter Blick auf individuelle Trauer erschwert antifaschistische Intervention“, offenbart sich die mangelnde Analyse des 13. Februar-Gedenkens. Einmal davon abgesehen, dass auch „individuelle Trauer“ durchaus kritisierbar wäre, wird hier der politische Gehalt des öffentlichen Gedenkens verkannt. Die überwiegende Anzahl der Veranstaltungen im Rahmen des Gedenkens sind öffentliche Inszenierungen, durch die unterschiedliche politische Botschaften transportiert werden: sie beschwören „ein wahrhaftes Gedenken“, „Versöhnung“, „Dresden als Friedenssymbol“, ein „Recht auf Trauer“ oder ein „Ende des Missbrauch des Gedenkens“. Zudem haben alle Gedenkvarianten am 13. Februar die gemeinsame Grundlage, dass die Deutschen Opfer sind: „Opfer der Alliierten/des Kriegs/der Nazis/der Verhältnisse/…“ Nur über Mittel der Relativierung, Entkonkretisierung und Entkontextualisierung gelingt diese pauschale Verklärung der NS-Bevölkerung, die sich angesichts deren Verstrickung ins NS-Regime verbieten müsste. Es ist aber genau diese Verklärung, die heute auf der nationalen „Spielwiese“ die historische Legitimation besorgt und den positiven Bezug – das Stolz auf Deutschland sein – wieder möglich macht.

Was bleibt?
Die Unschärfe in der Analyse von NP ist nicht zufällig. Sie ist Ergebnis einer Herangehensweise, die einzig den Naziaufmarsch als analytischen Ausgangspunkt hat und jede weitere Kritik am Gedenken für überflüssig erklärt. Der eigene linksradikale Anspruch gerät schnell ins Hintertreffen, wenn es nur noch darum geht, ausreichend viele Menschen zu mobilisieren, die sich dem Aufmarsch entgegenstellen. Das zeigt sich exemplarisch darin, dass die vordergründigen Gegensätze zwischen Nazis und BürgerInnen überbewertet und die Gedenkrituale als Ausdruck individueller Trauer begriffen und folglich entpolitisiert werden. Einer radikalen Linken tut man mit dem Verzicht auf inhaltliche Positionierung keinen Gefallen; einer Kritik an geschichtsrevisionistischer deutscher Geschichtspolitik, die – weil schwierig mobilisierbar – sowieso nur ein Schattendasein fristet, wird damit weiter das Wasser abgegraben.

Genau hierin liegt die Herausforderung für eine radikale Linke am 13. Februar. Es geht um eine Praxis, die der oben umrissenen Analyse Rechnung trägt. Eine Praxis, die den Opfermythos als Legitimation für deutschen Nationalismus begreift und kritisiert. Sie muss sich also gegen das Nazigedenken und die dortige NS-Verherrlichung richten, gleichzeitig aber auch das bürgerliche Gedenken als das begreifen, was es ist: ein positiver Bezug auf eine „ganz normale deutsche“ Bevölkerung, die sich in ihrem Handeln und Nicht-Handeln mit schuldig gemacht hat an Vernichtungskrieg und Shoa; eine Fortsetzung des deutschen Opfermythos; eine Relativierung deutscher Schuld – kurz als geschichtsrevisionistisch.
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(1) vgl. AIB Nr. 70 „Den Preis in die Höhe treiben“ sowie die Antwort des ART Dresden „Der Preis ist falsch berechnet“ http://venceremos.antifa.net/art/news/preisberechnung.htm

(2) Zu begründen warum die Naziaufmärsche rund um den 13. Februar solch eine Anziehungskraft entwickeln, ist NP nicht in der Lage. Die Analyse erscheint geradezu grotesk. Die „jungen Neonazis, die sich gerne einen militanten Habitus zur Selbstinszenierung geben“ sind ja jene, die entgegen JLO und NPD am Aufmarschdatum 13. Februar festhalten.

(3) vgl. AIB Nr. 81 „Der Bericht der Dresdner Historikerkommission“ und Phase 2 Nr. 30 „Das Dresdner Finale“

(4) vgl. 1302dresden.noblog.org, insbesondere „Dresden: Historikerkommission und Phase2″