(Eine) Dresdner Geschichte

„Ein Denkmal für die Kraft der Dresdner“ titelte die Sächsische Zeitung am 5. Oktober 2009 und läutete damit eine weitere Runde im Dresdner Denkmalbaumarathon ein. Erst am 14. Februar vergangenen Jahres war die Erinnerungsstelle für die auf dem Altmarkt verbrannten Toten der Bombardierung eingeweiht worden.

Die Initiatoren für den neuen Gedenkort, Ludwig Güttler und Gunther Emmerlich u.a., haben mit ihrer Initiative jedoch weit mehr im Sinn als bloß ein weiteres Denkmal für die Toten der Bombardierung zu errichten. Wenn ihr lokaler „Hofberichterstatter“, Peter Ufer, ausführt: „Ein gestürzter Mensch, der sich aufbäumt, ein Gefallener, der aus eigener Kraft aufersteht. So wie die Dresdner, so wie ihre Stadt.“ (Sächsische Zeitung, 05.10.2009) wird deutlich, dass es bei der Skulptur nicht nur um die Erinnerung an den 13. Februar geht. Die Skulptur soll den Namen „Zweimal auferstanden“ tragen (aber auch „Der sich Aufrichtende“ oder „Der Gestürzte“ kursieren). Zweimal, so der Dresdner Sänger und Moderator des Heimatsender MDR Gunther Emmerlich, weil sie „für die Auferstehung dieser Stadt, die ja zweimal auferstanden ist, [steht]. Einmal nach dem Krieg und ein zweites Mal nach 1989.“ (Sächsische Zeitung, 06.10.2009) Thematisiert werden soll also nicht nur der „Schicksalsschlag“ Bombardierung, sondern ebenso der anschließende „Schicksalsschlag“ DDR. Und betont wird darin nicht ausschließlich die Trauer um Verlust, sondern ebenso der Stolz auf die Wiederaufbauleistung und auf die Überwindung der „zweiten Diktatur“ 1989 „mit der sogenannten friedlichen Revolution“.

Diese Verschiebung des Fokus eines Denkmals in Dresden dürfte, neben den üblichen Dresdner Ressentiments („nicht so“ und „nicht an diesem Ort“) gegen alles, was nicht aus Sandstein erbaut wird, den Hauptgrund darstellen, warum die Dresdner_innen die vorgeschlagene Skulptur schnell ablehnten oder vielmehr nichts damit anzufangen wussten. Aber das Denkmal steht nach den Wünschen Ludwig Güttlers, Vorsitzender der Gesellschaft zur Förderung der Frauenkirche Dresden e.V. und Mitglied im Stiftungsrat der Stiftung Frauenkirche, und seiner Initiativgefährten nicht allein. Von der ersten Verlautbarung an war klar, dass es eingebettet sein soll in den sogenannten Dresdner Gedenkweg (mit involviert in die Konzeption sind Harald Brettschneider, Oberlandeskirchenrat i.R. und Gerhard Glaser, Sächsischer Landeskonservator i.R.). Dieser Weg integriert das geplante Denkmal sowohl konzeptionell als auch inhaltlich. Denn der Gedenkweg schlägt ebenso den geschichtlichen Bogen über alle „Schicksalsschläge“, welche die Dresdner_innen zu erleiden hatten um Überwindung und Auferstehung in den Mittelpunkt zu stellen.

Das Konzept dieses „Dresdner Gedenkweges“ liegt der Oberbürgermeisterin seit Oktober vor, im November präsentierten Güttler und Emmerlich ihre Pläne auf einer Podiumsdiskussion dem geneigten Publikum. Zum 65. Jahrestag der Bombardierung, am 13. Februar 2010, soll er das erste Mal beschritten werden.

Stationen der Zerstörung und Auferstehung
Der „Dresdner Gedenkweg“ ist als Route durch die Altstadt Dresdens mit sieben Stationen geplant. An diesen Stationen soll mittels verlesenen Texten oder Musikstücken der jeweilige Ort in Szene gesetzt werden. Sowohl die Inszenierung der einzelnen Stationen, als auch Wahl und Anordnung im gesamten Weg lassen ein Bild von und ein Umgang mit Geschichte offenbar werden, in dem es neben der Zentralstellung der Dresdner Leiderfahrung, um die Demonstration der Bewältigung der Vergangenheit, die Hervorhebung der eigenen Aufbauleistung, letztlich um das Verschließen der Wunde Dresden geht, nicht etwa um Schuld oder Auseinandersetzung mit dieser.

Ausgangspunkt des Gedenkweges bildet die neue Synagoge. Denn, so die Begründung, hier begannen „die Nationalsozialisten“ die Zerstörung Dresdens. Hier war der „Beginn, der dann später folgenden totalen Zerstörung“ (Konzeption „Der Dresdner Gedenkweg“). Nicht nur, dass in der allgemein gehaltenen Formulierung „die Nationalsozialisten“ einmal mehr die Täter_innen, zum Verschwinden gebracht werden. Dresden stellt sich als frühes Opfer dieser „Nazis“ dar, denn diese begannen die Zerstörung Dresdens indem sie am 9. November 1938 die alte Sempersynagoge am Hasenberg niederbrannten. So werden im Konzept des Gedenkweges die Novemberpogrome in Dresden zum Ausgangspunkt der Zerstörung der Stadt, nicht etwa zum Beginn der Shoa. Aufbauend auf diese Interpretation der Vergangenheit wird das erinnerungspolitische Ziel des Gedenkweges formuliert. „Wir müssen über die Vernichtung obsiegen.“ verkündete Ludwig Güttler auf erwähnter Podiumsdiskussion und machte damit deutlich, dass es bei der Wahl des Ausgangspunktes um eine Verschiebung weg von der Vergangenheit hin zur Demonstration der Dresdner Vergangenheitsbewältigung, der Wahrhaftigkeit des Dresdner Erinnerns und die daraus resultierende Fähigkeit nach den positiven Leistungen des Wiederaufbaus die Versöhnung zu leben geht. Die Synagoge als Ausgangspunkt des Gedenkweges symbolisiert den Anspruch einer geläuterten Stadt, die nun ihre Verantwortung für Frieden und Versöhnung wahrnimmt.

Der Weg führt zum Altmarkt mit der Erinnerungsstelle für die dort verbrannten Toten. Für diesen Ort sehen die Initiatoren jenen Text vor, der als symptomatisch für Dresdens Geschichtsbild und die fast schon narzisstisch anmutende Selbstdarstellung dieser Stadt gesehen werden kann: Gerhard Hauptmann „Wer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens.“ Außerdem wird eine Textpassage Wilhelm Rudolphs und aus Erich Kästners „Als ich ein kleiner Junge war“ verlesen. Allen dreien ist gemeinsam, dass sie den Mythos der unschuldigen Kunst- und Kulturstadt reproduzieren, die Bombardierung als sinnlos oder als unerwartete Naturkatastrophe darstellen und dass sie das Leid der Dresdner_innen in den Mittelpunkt stellen.

An der folgenden Station, dem Ort wo die Sophienkirche stand und die Busmannkapelle als Denkmal entstehen soll, wird nun der Blick geweitet. Hier geht es nicht allein um den Verlust durch „den Schicksalstag“ Dresdens, sondern der vorgesehene Text spricht vom Wiederaufbau „der Baudenkmale, die den Ruf Dresdens in der Welt ausmachten“. Aber vor allem geht es an diesem Punkt um die Thematisierung der DDR und die „Vollendung der Vernichtung“ (Podiumsdiskussion). Die DDR habe mit ihrer Abrisspolitik also das vollendet was die Nazis an der Synagoge begonnen hatten: die Zerstörung Dresdens (gemeinhin wird von der zweiten Zerstörung Dresdens gesprochen). Beinahe inflationär verwenden die Initiatoren den Begriff der Vernichtung im Bezug auf die Dresdner Bausubstanz, der doch im Kontext der Shoa für die millionenfache Ermordung von Jüdinnen und Juden steht. In vulgär-totalitarismustheoretischer Manier wird hier die DDR mit dem NS gleichgesetzt, wenn verlesen wird: „Wir können heute nur noch daran erinnern, erinnern an einen der wichtigsten Orte der Stadtgeschichte, an Ursachen und Wirkungen des 2. Weltkrieges, an die Toten in der verwüsteten Stadt, an den Missbrauch der Macht, andauernd 55 Jahre, in zwei politischen Systemen.“ (Konzeption „Der Dresdner Gedenkweg“).

Vor der Pietá in der Hofkirche inszeniert der Gedenkweg Dresden als Jesus. Anders kann es kaum interpretiert werden, wenn Güttler und Co. schreiben: „Diese Trauer und Verzweiflung [der Maria über das Martyrium ihres Sohnes Jesus], diese anschaulich so erlebbare Situation greift wiederrum noch weiter in der Bedeutung, der Sinnlosigkeit der Zerstörung alles Geschaffenen. Ob wir das Zivilisation, Eigentum, Haus oder Stadt nennen ist sekundär, wird damit doch Hoffnung, Leben, Lebenszeit und -kraft vernichtet. Dies weitet sich noch aus von der Symbolik zur die gesamte menschliche Existenz und das menschliche Leben überhaupt bedrohenden Tatsache des Krieges selbst.“ (Konzeption „Dresdner Gedenkweg“) Als Pendant dazu bedarf es nach Güttlers Meinung nun der umstrittenen Skulptur „Der sich Aufrichtende“ (oder „Zweimal auferstanden“ etc.). Denn diese stellt der Trauer und Verzweiflung der Pietá die Auferstehung entgegen. Sie „[macht] trotz allen Trauerns, allen Beklagens, allem Zu-Boden-geworfen-seins, aller Hoffnungslosigkeit, aus den Resten der vorhandenen Hoffnung, aus der Schwäche der wiedererwachten Kraft den Versuch, sich empor zu reißen, so dass der Tod nicht das letzte Wort hat, sondern die Bemühung, dennoch unter schwierigsten Bedingungen und tödlichen Bedrohungen das Leben und damit die Zuversicht, den Glauben und die Hoffnung wagen.“ (Konzeption „Dresdner Gedenkweg“) Der an der Skulptur vorgesehene Text vom „Neuen Forum – Aufbruch 89″ macht klar, dass es bei dieser Auferstehung nicht nur um den Wiederaufbau der zerstörten Baudenkmäler geht, sondern um die Überwindung des zweiten Schicksalsschlages für Dresden, dem Abschütteln der „zweiten Diktatur“ aus eigener Kraft.

Die nächsten beiden Stationen des Rundgangs kehren zurück zum zentralen Ereignis für Dresden und widmen sich wieder den „Opfern“ der Bombardierung am 13. Februar 1945 – den menschlichen an der Plastik „Verzweifelnder“ und den baulichen am Trümmerstück der Frauenkirche. Der Weg endet mit dem Gang zur Gedenkveranstaltung „wahrhaftig erinnern – versöhnt leben“ auf dem Neumarkt. Mit dieser Veranstaltung als siebenter Station erreicht der Gedenkweg dem christlichen Kreuzweg gleich seinen hoffnungsvollen Schlusspunkt. Die Leiden Jesu haben ein Ende, Gott den Tod besiegt. Der Versuch des Gestürzten, des sich Aufrichtenden, des Zweimal Auferstandenen sich mit „der Schwäche der wiedererwachten Kraft“ emporzureißen und „über die Vernichtung zu obsiegen“ ist gelungen. Dresden ist Auferstanden.

Ein Stück neues Gedenken für Dresden
Mit dem Gedenkweg, unternimmt die Initiative um Ludwig Güttler, welche inzwischen zur AG innerhalb der Stiftung Frauenkirche avanciert ist, zweierlei Versuche. Zum einen wollen sie das Gedenken in Dresden erweitern. Nicht nur die Trauer und der zentrale „Schicksalstag“ 13. Februar sollen im Mittelpunkt stehen, sondern der Blick soll sich positiv öffnen für die Aufbauleistung. Es geht in dem diesjährigen Vorstoß ganz offenbar um die Implementierung einer Zukunftsorientiertheit im Dresdner Gedenken. Ganz im Sinne der „geläuterten Nation“ soll sich Dresden darauf besinnen, dass es nicht nur die Vergangenheit bewältigt, sondern auch eine vorbildhafte Wiederaufbauleistung im Zeichen von Frieden und Versöhnung erbracht hat. Hier ergibt sich eine Parallele zum Wiederaufbau der Frauenkirche, welchen Güttler maßgeblich mit vorangetrieben hat. Nicht nur die Frauenkirche steht nun als Symbol für Läuterung, Frieden und Versöhnung, sondern Dresden und seine Praxis des Gedenkens als solches. Mit diesen neuen Konnotationen wollen Güttler und seine Mitstreiter das Gedenken in Dresden neu beleben. Dem Gedenken gingen in den vergangenen Jahren die Rituale aus, ebenso die rituellen Gedenkorte, wie die Ruine der Frauenkirche. Nicht umsonst begann man 2007 wieder damit eine zentrale Veranstaltung incl. Bühne, Musik, Rede und Kerzenprojektion an der Frauenkirche stattfinden zu lassen. Dabei ging es nur vordergründig gegen den ausgemachten Missbrauch des Gedenkens. Mit dem Gedenkweg jedoch ließe sich die Gedenktradition in Dresden durchaus neu beleben. Zudem soll so nach eigener Aussage die Dresdner Identität gestärkt und um ein positives Moment erweitert werden: wurde Dresden zwar durch Nazis und DDR zerstört, so bauten es die Dresdner_innen aus eigener Kraft und gegen alle Widerstände wieder auf.

Diesen Versuch einer Dresdner Identitätskonstruktion mittels Relativierung von Schuld an den Verbrechen im NS – verübt, mit angeschaut oder stillschweigend hingenommen durch die Dresdner_innen, mittels einer totalitarismustheoretischen Gleichsetzung von NS und DDR und einer Stilisierung Dresdens als unschuldiges Opfer beider Systeme und mittels einer selbst überhöhenden Darstellung des Wiederaufbaus werden wir nicht einfach zusehen. Wir nehmen uns das Privileg diesen Gedenkweg zuerst zu begehen und zwar mit unserer Botschaft: deutsche Täter_innen sind keine Opfer. Gegen jeden Geschichtsrevisionismus.

Und zwar am 12. Februar 2010:
Demonstration gegen deutsche Opfermythen.

http://venceremos.antifa.net/13februar/2010/eine-dresdner-geschichte.htm