Archiv für Februar 2010

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AUF DIESEM BLOG SIND DIVERSE TEXTE VON ANTIFAGRUPPEN DOKUMENTIERT, DIE SICH KRITISCH MIT DEM „DRESDEN-MYTHOS“, DEM GEDENKEN U./O. DEM KONZEPT „DRESDEN NAZIFREI“ AUSEINANDERSETZEN

Friedrich Burschel: Die Wagenburg der Heulsusen. Warum wir in Dresden nicht willkommen sind und trotzdem dort blockieren werden. (Der Rechte Rand)

Ivo Bozic: Die Dresdener Passionsspiele: Diesmal wollen die offiziellen Vertreter von Stadt und Land ihre Gedenkfeierlichkeiten am 13. Februar in Dresden ganz ungestört in ihrem Sinne abhalten. Doch die offizielle Gedenkpolitik entlarvt sich nicht nur durch die gewählte Symbolik als das, was sie ist: Geschichtsrevisionismus.

audioscript: Zur Verfolgung und Vernichtung der Jüdinnen und Juden in Dresden 1933 – 1945. Ein Stadtrundgang in 13 Tracks.

audioscript Interview mit Olga Horak, die auf einem Todesmarsch von KZ-Häftlingen die Bombenangriffe in Dresden erlebte: „Wir hatten keine Angst vor den Bomben“

Volksgemeinschaft gegen rechts?

Flugblatt derAG „no tears“, Halle, an die Antifas in Dresden am 13.02.

Findest Du es merkwürdig, dass es niemanden in Deutschland zu geben scheint – von der autonomen Antifa über die Gewerkschaften bis hin zur CDU –, der es nicht „unendlich wichtig“ findet, sich dem heutigen Naziaufmarsch, wenn auch auf unterschiedliche Weise, entgegenzustellen: so, als stünde die NPD kurz vor einer Machtübernahme? Hast Du kein Problem damit, Dich bei Deinem Protest von solch unnachahmlichen Nervensägen wie Claudia Roth oder Konstantin Wecker anführen zu lassen? Findest Du es nicht komisch, hier mit genau denjenigen zusammenzusitzen, die sich heute Abend an der Frauenkirche unendlich betroffen über die „Sinnlosigkeit des Krieges“ zeigen werden: so, als wäre der Zweite Weltkrieg von alliierter Seite nicht mit dem größten Recht der Geschichte geführt worden? Nein? Dann ist Dir wohl nicht mehr zu helfen. Du kannst die Lektüre hier beenden. Setz Dich auf Deinen Hintern, kuschel Dich ins Blockadekollektiv, mach, was Dir der Bundestagsabgeordnete Deines Vertrauens sagt, der sicher nur wenige Meter von Dir entfernt friert, und komm Dir unglaublich widerständig vor. Wenn Du es hingegen gruselig findest, wie die Deutschen hier bei Eiseskälte parteiübergreifend zusammenrücken, als müsste der Kessel von Stalingrad noch einmal – diesmal allerdings gegen die Richtigen – verteidigt werden, dann lohnt sich das Weiterlesen vielleicht.

Gibt es – abgesehen von den Anhängern der 1,5-Prozent-Partei NPD – eigentlich irgendjemanden in diesem Land, der nichts gegen den heutigen Neonaziaufmarsch hat? Der sächsische Ministerpräsident, der Innenminister, der Dresdner Oberbürgermeister, Mitglieder des Landtages und der Stadtverwaltung wollen sich in eine Menschenkette einreihen, mit der die Altstadt vor den Nazis geschützt werden soll. Der Aufruf des Bündnisses „Dresden nazifrei“ wird von mehr als zweitausend Menschen und knapp siebenhundert Organisationen unterstützt. Bundesweit fanden mehr als fünfzig Informations- und Mobilisierungsveranstaltungen statt. Aus sechzig Städten fuhren Busse nach Dresden. (Allein aus Berlin waren mehr als zehn Busse angekündigt.) Selbst der Dresdner Staatsanwalt Avenarius, der dem Blockade Bündnis „Dresden nazifrei“ arge Schwierigkeiten zu machen versuchte und dafür selbst in der FAZ für Verwunderung sorgte, tat dies nicht aus Sympathie mit den Nazis, sondern allenfalls, weil die Uhren in Sachsen dann doch noch etwas anders gehen als z.B. in Nordrhein-Westfalen – weil das neue Deutschland im Freistaat also noch nicht so richtig angekommen ist und möglicherweise nie vollständig ankommen wird. Er erklärte, sich trotz seiner juristischen Vorbehalte gegen eine Blockade der Nazidemonstration zumindest an der Menschenkette um die Innenstadt beteiligen zu wollen.
Wenn die Bundesbürger so einig gegen einen Feind zusammenrücken, dann heißt das zwar nicht unbedingt, dass dieser Feind sonderlich sympathisch sein muss. Dem Trachtenverein, der heute durch Dresden zieht, ist selbstverständlich alles Schlechte zu wünschen. Trotzdem ist bei volksgemeinschaftlichen Zusammenkünften der Deutschen Vorsicht und Skepsis geboten – auch dann, wenn sie sich einmal ausnahmsweise gegen die größten Freunde solcher Zusammenkünfte richten.

Die alte Einheitsfront

Wer vor sieben oder acht Jahren gegen den Naziaufmarsch am 13. Februar protestierte – es waren nur einige marginalisierte Antifa-Gruppen – kam nicht umhin, auch das offizielle Gedenken an diesem Tag zu kritisieren. NPD und Co. waren allenfalls die Speerspitze der großen Gedenkgemeinschaft. Zwischen den Parolen der Nazis, den offiziellen Gedenkreden und den Verlautbarungen der Regionalpresse gab es, wenn überhaupt, höchstens graduelle Unterschiede. Man sprach gemeinsam vom „alliierten Bombenterror“ und setzte die Zerstörung Dresdens mit Auschwitz gleich. Vor diesem Hintergrund wurde der Naziaufmarsch am 13. Februar von offizieller Seite ignoriert. Zu stark hätte eine Kritik des braunen Aufzugs auch das eigene Gedenken infrage gestellt. Für Empörung sorgten dementsprechend weniger die offiziellen Freundinnen und Freunde des Luftmarschalls Göring, sondern eine Handvoll jüngerer Leute, die beim kollektiven Gruseln an der Frauenkirche Konfetti warfen und mit Sekt auf den Sieg der Alliierten anstoßen wollten.

Die neue Einheitsfront

Dieser Sektempfang, der aufgrund polizeilicher Gesichts- und Dresscodekontrollen vor der Frauenkirche kaum noch stattfinden kann, würde bei der versammelten Trauermeute zwar noch immer für die berühmten Genickschussforderungen sorgen. Insgesamt hat jedoch auch in Dresden eine Veränderung der Gedenk-Choreografie stattgefunden. Seit einigen Jahren sind nicht mehr die Nazis die Speerspitze der großen deutschen Erinnerungsgemeinschaft, sondern diejenigen, die den Naziaufmarsch behindern oder blockieren wollen.
So zieht das neue Deutschland seine Identität inzwischen weniger, wie noch vor einigen Jahren, aus der Relativierung der deutschen Schuld, dem Kleinreden der nationalsozialistischen Verbrechen und ihrer Aufrechnung mit dem sowjetischen Gulag, der DDR-Haftanstalt Bautzen oder dem Bananenmangel zwischen Rügen und Oberwiesental. Die Bombenangriffe auf deutsche Städte werden immer seltener entkontextualisiert und als Naturgewalt präsentiert, die über eine friedliche Stadt voller Christstollenbäcker und Kirschkernschnitzer hereinbrach. Sie werden vielmehr als Folge des deutschen Angriffskriegs gegen Polen, die Sowjetunion, Großbritannien etc. begriffen. Ex-Kanzler Schröder erklärte dementsprechend schon vor fünf Jahren, am 13. Februar 2005, dass den neonazistischen „Versuchen der Umdeutung der Geschichte“ mit „allen Mitteln“ entgegengetreten werden müsse: „Wir werden nicht zulassen, dass Ursache und Wirkung verkehrt werden. Verantwortung vor unserer Geschichte heißt eben auch, Untat und Leid nicht gegeneinander aufzuwiegen.“
Aus dieser Erinnerung an die deutschen Verbrechen zieht die Bundesrepublik auch unter Schwarzgelb ihr zentrales Selbstbewusstsein. Es gibt kaum eine außenpolitische Aktivität des neuen Deutschlands – vom Jugoslawienkrieg über die Proteste gegen den Irakkrieg bis zur merkwürdig changierenden Politik gegenüber den Drohungen des iranischen Mullahregimes, Israel vernichten zu wollen –, die nicht mit der deutschen Vergangenheit und der „besonderen deutschen Verantwortung aus der Geschichte“ gerechtfertigt werden. Gerade aus der deutschen Vorreiterrolle in Sachen Vergangenheitsbewältigung leitet Deutschland mit anderen Worten das Recht ab, sich im internationalen Rahmen als große moralische Instanz aufspielen zu können.

Proud to be Erinnerungsweltmeister

Gerade aus der großen Erinnerungsoffensive zieht das neue Deutschland freilich auch das Recht, der gefallenen Wehrmachtssoldaten und den Opfern an der so genannten Heimatfront „in würdiger Weise“, wie es im diesjährigen Aufruf der Dresdner Oberbürgermeisterin heißt, zu gedenken. So ist es zu erklären, dass im Schatten der bundesweiten Gedenkepidemie, des Rambazambas am 27. Januar und der Betroffenheit bei „Schindlers Liste“, „Das Leben ist schön“ und „Der Pianist“ auch NS-Bunker- und Durchhaltefilme wie „Der Untergang“ oder „Napola“ große Erfolge an den Kinokassen feiern können.
Diese Kombination aus „Bruch mit der Vergangenheit“ und „würdigem Gedenken“ an die deutschen Opfer ist inzwischen auch in die einschlägigen Erinnerungsrituale eingegangen:
● Am 13. Februar stellt sich, wie es in den diversen Kommandoerklärungen aus dem Rathaus oder der Zentrale von „Dresden nazifrei“ immer wieder sinngemäß heißt, das neue Deutschland zunächst seiner Vergangenheit, spricht von den deutschen Verbrechen und den Opfern: So wird im diesjährigen Aufruf der Dresdner Oberbürgermeisterin nicht nur erklärt, dass der Zweite Weltkrieg
„von Deutschland ausging“. Auch die Öffentliche Lesung der Namen der ermordeten Dresdner Juden, Sinti und Roma ist längst fester Bestandteil des Erinnerungsereignisses „13. Februar“.
● Auf einer zweiten Ebene wird der Bruch mit dieser Vergangenheit demonstriert – wofür kaum etwas besser geeignet ist als der Kampf gegen diejenigen, die sich offen zu ihrer NS-Begeisterung bekennen: die Teilnehmer des Neonaziaufmarschs.
● In ein einem dritten Schritt wird schließlich – mal aktiv an der Frauenkirche, mal mit einem verständnisvollen Text für die Trauergemeinschaft im linken Nachrichtenportal „Indymedia“ – der deutschen Opfer des Bombenangriffs gedacht.
Die zivilgesellschaftlichen Aktionen gegen den Naziaufmarsch sind damit, wie vor einigen Jahren in einer antifaschistischen Zeitschrift erklärt wurde, „nicht nur das vormittägliche Fakultativprogramm zum Kerzenhalten an der Frauenkirche. Ebenso wie die Verweise auf die deportierten Dresdner Juden und die deutsche Schuld sind sie inzwischen die zentrale Voraussetzung des neuen Gedenkereignisses ‚13. Februar‘. Gäbe es den Naziaufmarsch nicht, er müsste von der Zivilgesellschaft erfunden werden.“

Gute Deutsche versus böse Nazis

Die zentrale Grundlage dieser neuen Form des Erinnerns ist die Trennung zwischen guten Deutschen und bösen Nazis – nicht nur für die Gegenwart, sondern auch für die Vergangenheit. „Nie wieder“, so erklärt das Blockade-Bündnis „Dresden nazifrei“ exemplarisch in seinem Aufruf, „werden wir den Anhängerinnen des verbrecherischen Naziregimes unsere Städte überlassen.“
Vor dem Hintergrund dieser Aufspaltung in gute Deutsche und böse Nazis müssen die alliierten Bombenangriffe auf deutsche Städte entweder, wie im Subtext des Blockadeaufrufs, als alliiertes Verbrechen präsentiert werden: „Der verbrecherische Krieg“, so die Initiatoren von „Dresden nazifrei“, „ging von Nazideutschland aus und kehrte 1945 nach Dresden zurück.“ (Soll heißen: An den Deutschen wurde plötzlich das durchexerziert, was sie kurz zuvor nach Polen oder in die Sowjetunion gebracht hatten – Gettoisierung, Vernichtungskrieg und Holocaust.) Oder es muss behauptet werden, dass die Angriffe in erster Linie der Rüstungsindustrie galten. Mit dieser Aussage wird allerdings eine neue Legendenbildung betrieben. So waren die zerstörten deutschen Innenstädte nicht die Kollateralschäden der alliierten Kriegführung, sondern die Wohnviertel zählten zu den zentralen Zielen der Royalund US-Air-Force. Hinter der alliierten Strategie des „moral bombing“ – des Angriffs der Deutschen in ihrem direkten Lebensumfeld – verbarg sich die Hoffnung, dass die Deutschen ihre Lage erkennen, ihre Führung zum Teufel jagen und insofern dafür sorgen, dass das Sterben an der Front und in den Lagern beendet wird.
Wer erklärt, dass die alliierten Bombenangriffe in erster Linie der Rüstungsindustrie galten, verstellt den Blick auf eine Reihe von Fragen, die für das Verständnis des Nationalsozialismus weitaus bedeutender sind als die Frage nach der Anzahl der kriegswichtigen Betriebe in Dresden, Hamburg oder Magdeburg. Und zwar: Warum funktionierte das „moral bombing“ in Italien und nicht in Deutschland? Warum gab es in Italien, Jugoslawien oder Griechenland riesige Partisanenarmeen, während in Deutschland nur kleine, vollkommen auf sich selbst gestellte Grüppchen und Individuen Widerstand leisteten? Warum konnten die Deutschen also auch durch Bomben nicht davon abgehalten werden, Juden zu ermorden, ihrem Führer Kinderwünsche anzutragen und bis zur offiziellen Kapitulation mitzumachen?
Die Antwort ist ebenso banal wie verpönt, weil sie auch die neue nationale Traditionsbildung, die sich hinter der hübschen Formel vom „würdigen Gedenken“ verbirgt, dementieren:
● Die Deutschen überließen „unsere Städte“ nicht einfach, wie die Initiatoren der heutigen Blockaden meinen, den Nazis, sondern vertrieben – ob NSDAP-Mitglied oder nicht – kollektiv die Juden aus diesen Städten.
● Die Nazis landeten nicht infolge eines „Marschs auf Berlin“, sondern eines Marschs durch die Stimmlokale im Reichstag. (Der Nationalsozialismus war mit anderen Worten keine herkömmliche Diktatur, die aus einem Putsch oder einem Bürgerkrieg hervorging, sondern eine barbarische Form direkter Demokratie.)
● In Deutschland gab es spätestens seit der klassen- und schichtenübergreifenden Beteiligung am Judenmord und dem kollektiven „Ja“ zum „totalen Krieg“ keine Zivilisten mehr, sondern nur noch Volksgenossen.

Was passiert also heute in Dresden?

1. Neonazis, die gesamtgesellschaftlich vollkommen marginalisiert sind, ihre Rolle als Stichwortgeber der deutschen Politik längst verloren haben, den gesellschaftlichen Trends mühsam hinterherhecheln und von einer Machtübernahme so weit entfernt sind, wie ein Rehpinscher von einer Kaktusfliege, ziehen in einer Art überdimensioniertem Familientreffen durch die Stadt.
2. Das neue Deutschland, das „wegen Auschwitz“ nach mehr Verantwortung auf internationaler Bühne verlangt, für das langjährige Appeasement gegenüber antisemitischen Regimes im Nahen Osten steht, an „fremden Kulturen“ vor allem ihre barbarischen Seiten zu schätzen weiß, NPD und Co. in Volksgemeinschaftsmanier als Gemeinschaftsschädlinge betrachtet und gegen Nazis mit einer Reinigungsmittel- und Kammerjägerrhetorik zu Felde zieht (Dresden soll „nazifrei“ werden, „braune Flecken“ sollen entfernt werden, „unsere Stadt“ soll vor dem „Eindringen Rechtsextremer“ geschützt werden etc.), die dem Wörterbuch des Unmenschen entliehen sein könnte, kurz: das „andere“ Deutschland, das einem Wort Eike Geisels zufolge vor allem „anders deutsch“ ist und sich mit seinen aktuellen und zukünftigen Repräsentanten einig weiß, hält unter Führung dieser Volksvertreter eines seiner zentralen identitäts- und gemeinschaftsstiftenden Selbstfindungsrituale ab. (Nicht umsonst sind Kamerateams aller größeren deutschen Fernsehanstalten angereist, um im Abendprogramm über die heldenmütige Verteidigung Dresdens gegen den braunen Schrecken zu berichten.) Am Vormittag signalisiert das neue Deutschland, dass es mit seiner Vergangenheit gebrochen hat: Die erlebnisorientierte Jugend liefert sich in den Seitenstraßen Scharmützel mit Nazis und Polizei, die weniger Sportiven spielen Stellungskrieg und versuchen, die Nazidemonstration zu blockieren, und die Gesetzteren verteidigen mit einer Menschenkette das Hinterland und werden dabei laut Stadtverwaltung von „mobilen Tee-Einheiten“ unterstützt. Daran anschließend fahren sie entweder mit gutem Gewissen nach Hause oder machen mit noch besserem Gewissen beim abendlichen Kerzenhalten an der Frauenkirche mit. (Nur ein paar Leute, die die Verwandlung der deutschen Erinnerungskultur allenfalls pflichtgemäß in ihren eigenen Mobilisierungstexten abhaken, ansonsten aber nichts davon wissen wollen, geben sich der Schizophrenie hin, am Abend zu bekämpfen, was sie am Vormittag mit auf den Weg gebracht haben.)
Wem es weder um Deutschland noch um das gemeinschaftsstiftende Frieren mit Isomatte und Thermoskanne geht, hat beim Dresdner „Gesicht zeigen gegen Nazis“ jedoch nichts zu suchen. Zumindest nicht, so lange gegen die Nazis im Namen des Kollektivs, eines Dresden-Patriotismus („unsere Stadt“) und eines neuen deutschen Gemeinschaftsgefühls aufgerufen wird. Wer die Nazis trotzdem nicht einfach Nazis sein lassen will – auch wenn ihnen öffentlich kaum noch jemand Verständnis entgegenbringt, stellen NPD und Co. gerade im ländlichen Raum nach wie vor eine ernstzunehmende Gefahr für Migranten, Punks oder Obdachlose dar –, kann sich auch in Jena, Greiz oder Eisenach darum bemühen, ihnen ihre Ankunft oder Abfahrt zu vermiesen: ohne sich als Statist für das große TVSpektakel „Die Wiedergutwerdung der Deutschen“ herzugeben.

ag „no tears for krauts“, 13. Februar 2010

Von Bomben und Nazis, Gedenken und Deutschland!

Aufruf zum 13. Februar in Dresden von autonome antifa [f] (Frankfurt), Gruppe Gegenstrom (Göttingen) und dem AK Antifa Köln

Gegen die nationale Inszenierung der Geschichte!

Der 13. Februar in Dresden hat Konjunktur: Als Jahrestag der Bombardierung durch die Alliierten ist er in den letzten Jahren immer populärer geworden, die Stadt mittlerweile ein wichtiger Bezugspunkt für deutsche Erinnerungskultur. Für tausende Nazis, die jedes Jahr auf dem europaweit größten Aufmarsch Stärke zeigen wollen und dabei faktenresistent die Geschichte bearbeiten; für Menschen aus inzwischen ganz Deutschland, die mit der Bombardierung Dresdens das passende Symbol für die „Leiden der Deutschen“ während des Zweiten Weltkrieges gefunden haben; für diejenigen, die für einen (selbst) bewussten Umgang mit der deutschen Geschichte stehen, an die europäischen Opfer erinnern und gegen linken und rechten Extremismus sind; und nicht zuletzt für immer mehr Antifas, die dieser Gemengelage unterschiedliche Kritik entgegensetzen.

Einigkeit besteht zwar darin, dass der unerträgliche Großaufmarsch der Nazis endlich verhindert werden muss, nicht ganz so einig ist aber die radikale Linke, wie mit dem Gedenken der Bürgerlichen in so einer Stadt und so einem Land umzugehen ist. Fest steht, dass die Bedeutung Dresdens und das Gedenken an den 13. Februar immer weniger mit dem in der radikalen Linken viel benutzten Begriff des „Geschichtsrevisionismus“ zu fassen ist. Auch wenn die Nazis lieber andere hätten, die objektiven Fakten der Bombardierung sind ebenso bekannt wie ihre Ursachen in Nationalsozialismus und Vernichtungskrieg. Was jedoch für „Lehren“ aus dieser Geschichte gezogen werden und wie diese für aktuelle politische Auseinandersetzungen nutzbar gemacht werden, das ist eigentlicher Kern der Auseinandersetzung. Um gegen die verschiedenen nationalen Inszenierung der Geschichte angehen zu können, soll dieser Aufruf einen Beitrag zum Verständnis der Rolle Dresdens im deutschen Erinnerungsdiskurs leisten und den unterschiedlichen Zumutungen dieses Wochenendes gerecht werden. Kommt am 12. und 13. Februar nach Dresden!

Anschlussfähig: Die faktenresistente Inszenierung der Nazis
Mitte Februar wird Dresden also wieder Schauplatz des derzeit größten Naziaufmarsches Europas. Seit 15 Jahren kontinuierlich größer werdend und lange Zeit gänzlich unbehindert wurde dieses Event immer mehr zum zentralen Bezugspunkt der Nazis. 7000 TeilnehmerInnen auf dem „Trauermarsch“ 2009 sind jedenfalls eine gefährliche Größenordnung. Das wird am 65. Jahrestag der Bombardierung und in Anbetracht der sinkenden Bedeutung anderer Nazigroßveranstaltungen genauso sein. Für ihr „nationales“ Erlebnis mit dem einfachen und anknüpfungsfähigen Thema „Deutsche Opfer des Zweiten Weltkriegs“ ist Dresden der perfekte Ort. Kaum irgendwo sonst können rechte Burschenschaften, die Junge Landsmannschaft Ostdeutschland, NPD und Autonome Nationalisten sowie all deren europäische Freunde so einfach an einen populären Mythos anknüpfen und ihn für sich nutzen. Aus ihrer Perspektive wurden die nennenswerten Verbrechen des Zweiten Weltkriegs von alliierten Bombern begangen ? eine vollkommen wahnsinnige Sichtweise, die der grundsätzlichen Befürwortung des Nationalsozialismus entspricht. In Dresden ergibt sich daraus der Mythos des Angriffs „alliierter Terrorbomber“ gegen eine „unschuldige und wehrlose Stadt voller Zivilisten“. Aber der Krieg der Alliierten gegen Deutschland ? und mit ihm eben auch der 13. Februar 1945 in Dresden ? war so notwendig wie richtig und in Anbetracht des von Deutschen organisierten Massenmords an als „lebensunwert“ befundenen Menschen noch die adäquateste Antwort.

Der direkt nach der Bombardierung von Goebbels‘ Propagandaministerium lancierte Mythos der „unschuldigen Kulturstadt an der Elbe“ legt die Überschneidungen von rechtsradikalem Revisionismus und bürgerlichem Gedenken an die Bombardierung offen ? auch wenn die gedenkenden BürgerInnen den Sieg der Alliierten wohl weitestgehend positiv sehen. Doch auch ernstzunehmende Nicht-Nazis finden seit langem Gefallen am Bild Dresdens und Deutscher als Opfer und schreiben diesen Mythos eifrig mit fort. Der Krieg der Alliierten gegen das nationalsozialistische Deutschland wird nicht als Reaktion auf Angriffs- und Vernichtungskrieg verstanden, sondern die Bombardierung Dresdens erscheint als „unverhältnismäßige Rache“. So wird Dresden nicht nur von Nazis aus dem untrennbaren Zusammenhang mit Nationalsozialismus und „Volksgemeinschaft“, Angriffskrieg und Vernichtungslagern getrennt.

Die konservative Inszenierung: Opfermythos und Totalitarismustheorie
Mit dem Anliegen eines öffentlichen und kollektiven Gedenkens mischen neben den Nazis also auch viele BürgerInnen mit ? auch wenn es ihnen dabei nicht um die Wiedereinsetzung nationalsozialistischer Herrschaft geht. Dass zwischen den Kerzen an der Frauenkirche sicherlich auch einige bewusste oder unbewusste Rechtsradikale trauern (können), ist trotzdem kein Zufall, sondern passt zur konservativ-reaktionären Atmosphäre in der Stadt, wo sich nur wenige gegen den Naziaufmarsch positionieren ? und noch weniger gegen den deutschen Opfermythos. Diese Nähe darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das bürgerliche Gedenken mittlerweile für einen einigermaßen demokratischen Nationalismus steht, der nicht umstandslos mit dem der Nazis gleichzusetzen ist.

Dass nicht mehr nur DresdnerInnen zur Frauenkirche kommen, sondern es geradezu einen Gedenk- und Trauertourismus gibt, zeigt die bundespolitische Bedeutung dieses Wochenendes im Februar. Eben nicht nur für Nazis, sondern viel mehr noch für die Befindlichkeiten deutscher StaatsbürgerInnen. Denn individuelles Gedenken an persönlich bekannte Betroffene der Bombardierung wäre gar nicht so das Problem. Doch in Dresden ist eben die öffentliche Inszenierung und vor allem die Kollektivität konstitutiv für das Gedenken. Die Stilisierung zu Opfern wird kollektiv betrieben und hat die nationale Gemeinschaft im Blick. Sie dient der Konstruktion einer passenderen Geschichte sowie der eines aktuelleren Nationalismus. Mit der wieder aufgebauten Frauenkirche hat sich dafür ein außerordentliches Symbol gefunden, das nicht mehr nur für Dresden, sondern für ganz Deutschland steht.

Hinter dieser Form des Gedenkens steht erneut die Entkontextualisierung der Bombardierung, nach der am 13. Februar 1945 mit Dresden angeblich kein regionales administratives, industrielles und militärisches Zentrum des nationalsozialistischen Deutschlands getroffen wurde ? sondern einfach nur das „Elbflorenz“ samt BewohnerInnen und Flüchtlinge, die der Vergangenheit, in der das stattfand, nicht zugeordnet werden. Dass jedoch der Nationalsozialismus und in der Folge auch die alliierten Bomben nicht einfach vom Himmel fielen, sondern ersterer auf Akzeptanz, Zustimmung und Begeisterung der „Volksgemeinschaft“ bauen konnte, wird ignoriert und stattdessen die schicksalhafte Rolle der Deutschen als „Opfer“ bekräftigt. Dass die Erinnerung an Hiroshima und das von den Deutschen zerbombte britische Coventry auf dem Dresdner Heidefriedhof mit der Erinnerung an den 13. Februar gleichgesetzt wird, ist relativierende Betroffenheit in eben diesem Sinne: Alle dürfen Opfer sein, nun eben auch Oma, Opa und Hans-Peter. Wenn dann auch noch Auschwitz in diese Gleichung eingebracht wird, ist das nur der krasseste Ausdruck einer solchen Vergangenheitsbewältigung.

Während deutsche Verbrechen also letztlich mit der Gewalt ihrer Niederschlagung relativiert werden, kann durch die Anerkennung anderer Opfer die eigene Geschichte des Nationalsozialismus verdau- und nutzbar gemacht werde. Von Nazis wird sich trotzdem ernsthaft abgegrenzt. Diese Abgrenzung (in Dresden versinnbildlicht durch das Tragen von weißen Rosen und die mit Kerzen geschriebene Aussage „Diese Stadt hat Nazis satt“) speist sich hier jedoch vor allem aus einer Links und Rechts als „Extremismus“ gleichsetzenden Totalitarismustheorie, nicht aus inhaltlich begründetem Antifaschismus.

Die moderne Inszenierung der Nation: Bürgerlicher Antifaschismus als selbstbewusster Nationalismus
Auch wenn es zu weit ginge, die trauernden Deutschen um die Frauenkirche deshalb als AntifaschistInnen misszuverstehen, verschwimmen doch die Grenzen mit einer weiteren (idealtypischen) Gruppe, die im alljährlich wiederkehrenden Spektakel mitmischt ? einem grundsätzlich antifaschistisch gesinnten, dem liberalen Gewerkschafts- und Parteienspektrum. Zwar mit einem anderen Fokus als dem des Gedenkens steht aber auch diese Gruppe idealtypisch für einen Aspekt neuen deutschen Nationalismus.

In Dresden unterscheidet sich diese Bewegung vom Trauerkollektiv vor allem darin, dass ihr ein Statement gegen die Neonazis mindestens so wichtig ist wie das Gedenken rund um die Frauenkirche. Die Geschichte der Stadt wird nicht auf den 13. Februar reduziert, sondern mensch ist sich der Ursache der Bombardierung in deutschen Taten durchaus bewusst. Der Umgang mit der Vergangenheit erscheint hier als Erfolgsgeschichte: Aus einer negativen Vergangenheit wurde die richtige, die demokratische Konsequenz gezogen. Allerspätestens seit dem Wahlsieg der SPD 1998 und dem „Aufstand der Anständigen“ gegen Neonazis im Jahr 2000. Der Kosovokrieg, der „nicht trotz, sondern wegen Auschwitz“ nötig gewesen sein soll, ist da nur die andere Seite der Medaille.

Das Selbstverständnis dieser Leute ist zwar oftmals auch nach links offen, entspricht aber tendenziell dem hegemonial vorherrschenden Nationalismus in Deutschland, der weltoffen und der Vergangenheit bewusst schwarz-rot-goldene Fahnen schwenkt. Auch dieser „moderne“ Nationalismus ist brutal ausschließend und Anknüpfungspunkt für Autoritäre. Die halluzinierten Bedrohungen sind mit „amerikanischen Heuschrecken“, illegalisierten MigrantInnen und Neonazis jedoch andere als einfach nur dunkelhäutige Menschen, Schwule oder emanzipierte Frauen. Trotzdem sterben MigrantInnen auf dem Weg nach Europa aufgrund eben dieses Nationalismus. Sie werden aber nicht mehr als „Feinde“, die es zu bekämpfen gilt, betrachtet, sondern als bedauernswerte Opfer unvermeidbarer, systemischer Zwänge, die eigentlich niemandem gefallen. In der Abwehr von Bedrohungen der nationalen Wohlfahrt wirkt vor allem ein Standortnationalismus, der ebenso „rational“ ist wie die Verwertungslogik, die er erfüllt: Hürde für den Zugang zum Kollektiv ist im Prinzip „nur“ die Verwertbarkeit nach der Logik des Kapitalismus und in den Grenzen des Nationalstaates, immer weniger Hautfarbe, Geschlecht oder Religionszugehörigkeit. Idealtypisch und tendenziell wohlgemerkt, denn in der Realität sieht das oft anders aus. Der Zugang zum deutschen Kollektiv steht zwar real nur einer exklusiven Minderheit offen, dies ändert aber nichts an der ideologischen Orientierung am Ideal. Aus diesem Standortnationalismus kann dann auch bürgerlicher Antifaschismus entstehen, wenn er herausgefordert wird, ebenso ist in dieser Verteidigung der bürgerlichen Demokratie übrigens der Kampf gegen „Linksextremismus“ schon angelegt.

Doch trotz der unbedingt notwendigen linksradikalen Kritik daran ist dieses Spektrum für die antifaschistische Mobilisierung zum 13. Februar nicht zu vernachlässigen. Denn da die radikale Linke leider vorübergehend nicht mobilisierungsfähig genug ist, den Naziaufmarsch in Dresden allein zu verhindern, müssen die antifaschistischen BürgerInnen als strategische BündnispartnerInnen betrachtet werden. Dem widmet sich das antifaschistische No Pasarán- Bündnis, um eine breitestmögliche Mobilisierung zu erreichen; ein notwendiger Einsatz in Anbetracht des riesigen Naziaufmarsches am 13. Februar.

Doch so sehr KommunistInnen im Zweifelsfall mit den FreundInnen von Nation und Kapitalismus gegen noch schlimmere Übel zusammenarbeiten müssen, so wenig darf dabei die Kritik am Nationalismus unter den Tisch fallen, sei er nun liberal und antifaschistisch oder offen reaktionär.

„Keine Atempause, Geschichte wird gemacht, es geht voran.“
Wenn eine Kritik des „Geschichtsrevisionismus“ auf eine radikale Kritik des Nationalismus trifft, muss der Gegenstand anders bestimmt werden. Und gerade in Dresden können beide Perspektiven zusammen kommen. Der Blick zurück auf Geschichte ist nicht statisch, sondern das Ergebnis von (herrschenden) Diskursen, die Geschichte für aktuelle Bedürfnisse deuten und nutzbar machen können. Gerade in Dresden ist dieser Blick zurück Teil einer nationalen Inszenierung für das Heute und aus dieser Perspektive zu kritisieren.

Innerhalb eines gewissen Rahmens, der die groben historischen Fakten vorgibt, stehen sich unterschiedliche Blickwinkel, Erzählungen und Versionen von Geschichte gegenüber, von denen sich mehrere verknüpfen können oder eine ? tendenziell die für aktuelle Bedürfnisse funktionalste ? durchsetzt und zum hegemonialen Geschichtsbild wird. Die Bedürfnisse, für die diese Inszenierung funktional sein soll, sind vielschichtig. So geht es zum Beispiel um das Öffnen von Türen in internationalen ökonomischen Zusammenhängen, die Integration von anderen Perspektiven und dadurch eine größere Leistungsfähigkeit des nationalen Kollektivs.

Auch eine noch so linksradikale Perspektive kommt kaum weiter, wenn sie diesen Geschichtsbildern einfach nur eine vermeintlich objektivere Version entgegen hält. Bis zu einem gewissen Punkt ist Aufklärung als kritische Intervention in Geschichtspolitik durchaus möglich und gegenüber den oft immer noch völlig überhöhten Opferzahlen für die Bombardierung Dresden auch richtig. Auch gegenüber Nazis helfen jedoch nur selten Argumente. Mit ihnen gibt es am 13. Februar sicher nichts zu diskutieren. Doch auch angesichts des hegemonialen Diskurses hilft Aufklärung nur bedingt; geht es doch in der Regel nicht um das Leugnen oder Erfinden von Fakten, sondern um deren Interpretation. Guido Knopp lügt nicht (oder selten), er arbeitet massiv tendenziös und legt mit seiner Darstellung bestimmte Schlüsse nahe. Gerhard Schröder konnte 2004 aus seiner Perspektive durchaus gerechtfertigt sagen, der „Sieg der Alliierten war kein Sieg über Deutschland, sondern ein Sieg für Deutschland.“ Wen wundert dann noch, dass das neue Kreuz der Dresdner Frauenkirche vom Sohn eines britischen Bomberpiloten gefertigt wurde?

Der einfache Verweis auf „Geschichtsrevisionismus“ geht daneben, wo Geschichte ständig neu geschrieben wird. Stattdessen geht es um die konkrete Kritik der nationalistischen Inszenierung und damit eines politischen Projekts, das die Geschichte mit aktuellen Zielsetzungen als Legitimationsfolie benutzt. Denn die nationale Inszenierung von Geschichte zielt ? so unterschiedlich sie im konkreten Fall ist ? stets auf die Konstruktion und Legitimation einer falschen Kollektivität, d.h. eines Kollektives, das seinen Zusammenhalt wesentlich in der brutalen Auseinandersetzung mit den inneren und äußeren Störenfrieden auf dem Weg zum Erfolg auf dem kapitalistischen Weltmarkt und in der globalen Staatenkonkurrenz beweist.

Die nationale Inszenierung der Geschichte ist kein deutsches Monopol. Überall auf der Welt werden Mythen gepflegt und Geschichtsbilder konstruiert, die die Geschichte schönen und die Gegenwart legitimieren sollen. Dass in Frankreich die gesamte Bevölkerung Teil der Résistance war, es in der DDR keine Nazis gab und Österreich das erste Opfer Hitlers war, glaubt heute zwar kaum mehr jemand, aber diese Mythen haben zu ihrer Zeit ganz bestimmte Funktionen für die nationale Vergemeinschaftung erfüllt. Doch auch wenn sich die nationalen Inszenierungen der Geschichte überall auf der Welt in ihrer Funktion ähneln, muss die konkrete Auseinandersetzung die nationalen Besonderheiten berücksichtigen und am Gegenstand erfolgen. Und der heißt in Dresden Deutschland und sein Opfermythos und ist eine besonders perfide Schweinerei, der Linksradikale entsprechend entgegentreten müssen.

Auf nach Dresden
Für uns bedeutet das, den Naziaufmarsch am 13. Februar zu verhindern. Und nicht, weil das nur Spaß machen würde, sondern zum einen weil der jährliche Aufmarsch von mehreren tausend Nazis eine nicht zu ignorierende Bedrohung ist. Zum anderen, weil die Entschlossenheit des bürgerlichen antifaschistischen Spektrums im Zweifelsfall an der nächstbesten Polizeikette aufhört. Wir rufen dazu auf, sich am Samstag an den direkten Aktionen und Blockaden zur Verhinderung des Naziaufmarsches zu beteiligen. Im Jahr 2011 können wir im Februar uns dann ja hoffentlich mit sinnvolleren Dingen als mit Nazis beschäftigen.

Dresden bedeutet aber auch, dass das nicht reicht. Nationalistischer Revisionismus und nationale Inszenierung der Geschichte müssen auch jenseits der Nazis Gegenstände einer linksradikalen Mobilisierung nach Dresden sein. Deshalb rufen wir auch dazu auf, am 12. Februar an der Demonstration des Bündnisses „Keine Versöhnung mit Deutschland“ teilzunehmen und eine der Situation angemessene antinationale Kritik praktisch werden zu lassen, die sich weder auf Anti-Nazi-Aktionen beschränkt, noch unterkomplexe Symbolik betreibt.

Faltblatt für den nachhaltigen Rückbau des Dresdner Opfermythos

AK „Abriss und Kritik“

Am 13. Februar 2010 jährt sich zum 65. Mal der alliierte Luftangriff auf Dresden. Wie in den letzten Jahren werden wieder alle mobilisieren, was das Zeug hält: die Nazis zu ihrem größten Aufmarsch des Jahres, BürgerInnen zur nationalen Trauer und Antifas gegen beide.
Oder? In letzter Zeit scheint es so als würden sich große Teile der antifaschistischen Linken ausschließlich auf die Nazis konzentrieren und das offizielle Dresdner Gedenken an die Luftangriffe aus der Kritik ausnehmen. Sicherlich ist es wichtig, den Nazis in Dresden endlich mal eine empfindliche Niederlage zu bereiten. Dabei sollte aber der nationale Opfertaumel nicht vergessen werden, der immer noch Jahr für Jahr in Dresden inszeniert wird. Wir wollen mit diesem Flugblatt dazu beitragen, die Dresdner Geschichtsverdrehung auch in ihrer modernisierten Variante sichtbar zu machen. Und zwar, indem wir uns einmal detailliert die Dresdner Vergangenheit angucken.

Dresden: Gauhauptstadt, Rüstungszentrum, „Judenlager Hellerberg“

Auch wenn in letzter Zeit in Dresden öfter die Rede ist vom „Krieg, der von Deutschland ausging und dorthin zurückschlug“: Die Mär von der unschuldigen Kunst- und Kulturstadt Dresden bestimmt immer noch die öffentliche Debatte in und um Dresden. Auch in linken Publikationen steht selten etwas von den Todesmärschen, die noch im Februar 1945 durch Dresden führten oder vom „Judenlager Hellerberg“ im Norden Dresdens, von dem aus Juden und Jüdinnen nach Auschwitz und Theresienstadt deportiert wurden.
Wir wollen mit diesem Flyer mehr historisches Wissen über die nationalsozialistische Stadt Dresden unter die Leute bringen – auch damit deutlich wird, was das Trauerspektakel in Dresden immer noch verschweigt. Denn eine Inszenierung wie das Gedenken zwischen Heidefriedhof und Frauenkirche ist nicht einfach ein Ausdruck von privater oder öffentlicher Erinnerung. Es ist Teil des neu entworfenen nationalen Identitätsscheißdrecks der Berliner Republik; hier wird unbeschwertes Deutschsein trauernd zelebriert. Und so was sollte nicht ungestört ablaufen!

1) Die Gauhauptstadt Dresden 1933 – 1945

Antisemitisches und völkisches Denken beginnt auch in Dresden nicht erst 1933. Bereits im 19. Jahrhundert war Sachsen ein Zentrum des deutschen Antisemitismus. Der erste internationale „Antijüdische Kongress“ tagte 1882 in Dresden, der einzigen größeren Stadt, in der eine Koalition aus Konservativen und antisemitischen „Reformern“ die Politik bis zum Ende des Kaiserreiches bestimmte. Die ebenfalls starke ArbeiterInnenbewegung des „roten Sachsen“ wurde 1923 geschwächt, als die Koalition von SPD und KPD durch die Reichsregierung abgesetzt wurde. Darauf folgte ein Erstarken der NSDAP, die in Sachsen schnell die Hegemonie über das nationalkonservative Lager erlangte. 1926 konnte die NSDAP ihre ersten Landtagsabgeordneten stellen – sie stammten aus Sachsen.

Die Etablierung des Nationalsozialismus in Dresden

Dresden und Sachsen nahmen in vieler Hinsicht eine Vorreiterrolle bei der Konstituierung nationalsozialistischer Herrschaftspolitik ein. Nach der Machtübergabe am 30. Januar 1933 errichtete die sächsische SA bereits am 8. März desselben Jahres eines der frühen Konzentrationslager in der Burg Hohnstein. Ebenfalls am 8. März 1933, also zwei Monate vor der geplanten reichsweiten Aktion, führten die Dresdner SA und nationalsozialistische StudentInnen auf dem Wettiner Platz in Eigenregie die erste Bücherverbrennung des „Dritten Reichs“ durch. Der Gauleiter Martin Mutschmann ordnete über die offiziellen Vorgaben hinaus in Sachsen einen „eigenen“ Boykotttag gegen jüdische Geschäfte an.
Die starke Verankerung von Antisemitismus und nationalsozialistischer Bewegung in Sachsen fand auch darin ihren Ausdruck, dass es der Leitung der NSDAP hier nur in sehr eingeschränktem Maße gelang, die anfängliche pogromartige Gewalt von SA und völkischen BürgerInnen in ihrem Sinne zu organisieren – wie auch Victor Klemperer in seinen Tagebüchern aus dieser Zeit schildert. Gegen die relativ kleine jüdische Gemeinde Dresdens (1925 hatte sie 5100 Mitglieder) wandte sich die Parteibasis der NSDAP äußerst intensiv. Bereits am 31. März 1933, also noch vor dem Erlaß zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums, wies die Stadt Dresden ihre Dienststellen an, „sämtliche Beschäftigen jüdischer Rasse“ aus der Verwaltung zu „entfernen“.

Im oft als „Kulturstadt“ gepriesenen Dresden wurde ab dem 23. September 1933 eine der ersten Ausstellungen von als „entartet“ denunzierter Kunst gezeigt. Bis 1937 war die Ausstellung in zwölf weiteren Städten zu sehen. Nach der „rassepolitischen Woche“ im November desselben Jahres folgte die Ausstellung „Reichsschau Ewiges Volk“ im Januar 1938. Vier Monate später eröffnete Mutschmann die Ausstellung „Der ewige Jude“.

2) Dresden und die Shoah
Ausgrenzung, Repression, Deportation

Die in Dresden verbliebenen Jüdinnen und Juden sahen sich seit Mitte der 1930er Jahre immer stärker werdender Repression ausgesetzt. Am 27. Oktober 1938 wurden die polnischen Jüdinnen und Juden ausgewiesen. Die spätere Besetzung Polens bedeutete für viele dieser Menschen aus Dresden und der Region den Tod in Ghettos und Vernichtungslagern. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die von Gottfried Semper entworfene Synagoge in Brand gesteckt, ihre Ruine am 12. November abgerissen. Die Kosten des Abrisses musste die jüdische Gemeinde Dresdens bezahlen. Im Verlauf der „Reichspogromnacht“ wurden 151 Männer und Frauen in das „Pogromsonderlager“ nach Buchenwald gebracht, darunter alle Mitglieder des Vorstands der Jüdischen Gemeinde Dresdens.

1938 wurde allen jüdischen MieterInnen der städtischen Baugesellschaft gekündigt, auch private Mietverhältnisse wurden im Laufe dieses Jahres beendet. Ende 1939 wurden sie gezwungen, in zu „Judenhäusern“ erklärten Wohnhäusern zu leben – Dresden hatte auch hier eine Vorreiterrolle inne – danach ihr Eigentum „arisiert“. Am 21. Januar 1942 wurden dann vom Bahnhof Dresden-Neustadt aus 224 Menschen aus dem Verwaltungsbezirk Dresden-Bautzen in das Ghetto von Riga deportiert, ausgenommen waren nur Kinder und ZwangsarbeiterInnen in der Rüstungsindustrie. Viele von den Deportierten wurden im Rahmen des Massakers „Aktion Dünamünde“ im Frühjahr 1942 ermordet.

Das „Judenlager Hellerberg“ – Zwangsarbeit für Zeiss-Ikon
Eine konkrete Folge des Dresden-Mythos ist die Verdrängung der nationalsozialistischen Verbrechen in Dresden selbst. Ein Beispiel für solche Leerstellen der deutschen Unschuldserzählung ist das „Judenlager Hellerberg“. Am 23. November 1942 wurden dort diejenigen 279 Dresdner Juden und Jüdinnen interniert, die zuvor nicht nach Theresienstadt oder Riga deportiert worden waren. Sie haben bezeichnenderweise keinen Platz im jährlichen Dresdner Gedenken. Fast alle der in Hellerberg Internierten arbeiteten im nahe gelegenen Goehle-Werk des Zeiss-Ikon Konzerns und stellten dort Zünder für U-Boot-Torpedos her. Insgesamt leisteten zu Beginn 1943 in der sächsischen Landeshauptstadt etwa 480 Jüdinnen und Juden Zwangsarbeit. Im März 1943 wurde das Lager geräumt und die InsassInnen auf Polizei-LKW durch die Stadt zum Bahnhof Dresden-Neustadt gebracht – von dort aus wurden sie mit anderen Juden und Jüdinnen am 3. März 1943 nach Auschwitz deportiert. Aus diesem Dresdner Transport wurden von etwa 1500 Ankommenden 680 Personen ins Lager eingewiesen, die anderen etwa 820 Menschen wurden sofort in den Gaskammern getötet. In Dresden verblieben so nur noch diejenigen, die von den Nazis als „Mischlinge“ oder in „Mischehe“ Lebende bezeichnet wurden.

Die verhinderte Deportation

Eine für den 16. Februar 1945 vorgesehene Deportation aus Dresden sollte auch diese Menschen erfassen, konnte aber wegen der Luftangriffe vom 13. bis 15. Februar 1945 nicht durchgeführt werden. Ungefähr 70 Juden und Jüdinnen in Dresden wurde so das Leben gerettet. Für Henny Brenner, die als junge Frau die antisemitische Verfolgung im nationalsozialistischen Dresden überlebte, bedeutete die weitgehende Zerstörung der Stadt schlicht „unsere Rettung“. Sie betont im Übrigen, dass nach den Luftangriffen und der Verunmöglichung der Deportation die antisemitische Verfolgung keineswegs beendet war. Die Gestapo suchte weiter nach sich versteckenden Juden und Jüdinnen – die Ungewißheit, ob sie doch noch gefunden würden, blieb bestehen: „Das war dann, bis zur Befreiung, dieses Vierteljahr war furchtbar.“

3) Dresden am 13. Februar 1945: Zentrum der Rüstungsproduktion und Verkehrsknotenpunkt

„Wir weinten vor Freude, als wir den roten Schein am Himmel sahen.
Dresden brennt, die Alliierten sind nicht mehr weit!“
Ein Überlebender des Ghettos Theresienstadt

Dresden als militärisches Ziel

Die Ardennen-Offensive der Wehrmacht im Dezember 1944 und Januar 1945 hatte die Alliierten überrascht und ließ die Wehrmacht stärker erscheinen als sie tatsächlich war. Dadurch schien das Kriegsende in weite Ferne gerückt, obwohl die Rote Armee im Februar 1945 Breslau eingeschlossen hatte. Die Ostfront befand sich bei Görlitz, nur 100 km von Dresden entfernt. Zum Zeitpunkt der Luftangriffe auf Dresden war der Krieg keinesfalls bereits vorbei.
Es können zwei militärische Bedeutungen Dresdens unterschieden werden: Zum einen war Dresden einer der letzten funktionierenden Verkehrsknotenpunkte sowie Rüstungs- und Verwaltungszentren des nationalsozialistischen Deutschland, zum anderen befand es sich in strategisch wichtiger Lage nahe der Ostfront. Der Angriff auf Dresden machte aus Sicht der Alliierten auf beiden Ebenen Sinn: Es ging um die umfassende Schwächung einer der verbliebenen Zentralen des „Dritten Reiches“. Von den Luftangriffen betroffen waren die Rüstungsproduktion, die Versorgung der Bevölkerung, der Wehrmacht und der SS, die Loyalität der Bevölkerung, der alltägliche Verlauf des Lebens, die Unterbringung der Flüchtlinge und Obdachlosen. Die Luftangriffe führten nicht, wie oft behauptet, immer zu einer Stärkung der „Volksgemeinschaft“, sondern oft zu Auflösungserscheinungen eben dieser. Der Historiker Frederick Taylor hält fest, dass der Luftkrieg „unmittelbare und zerstörerische Auswirkungen für die deutsche Kriegsindustrie bzw. deren militärische Schlagkraft“ hatte. Das area bombing war „mit kriegsentscheidend“ weil es das „militärische Potential Deutschlands bis zuletzt“ schwächte. Durch die alliierten Luftangriffe wurde die Wehrmacht an eigenen Angriffen gehindert und ihre Fluchtrouten, die vor allem durch Sachsen führten, wurden blockiert.

In Dresden befand sich außerdem eine der größten Garnisonen des „Dritten Reiches“. Sie umfasste 1939 etwa 20.000 Soldaten. Außerdem waren einige zentrale Verwaltungs- und Geschäftsstellen der Reichsregierung an diesen Verkehrsknotenpunkt des ostdeutschen Eisenbahnnetzes verlegt worden. Dresdens lange Tradition in der Fertigung militärischer Güter wurde durch die nationalsozialistische Rüstungsproduktion fortgesetzt und ab 1942 noch einmal gesteigert, als Rüstungsbetriebe in das vermeintlich vor Luftangriffen sichere Sachsen verlegt wurden. Die traditionell vielfältige Industrie in Dresden erlaubte die Herstellung einer Vielzahl an Rüstungsgütern, mit einem hohen Anteil hochmoderner Erzeugnisse. Das waren fast alle Arten von Kriegsgerät, inklusive Zulieferungen für die „V-Waffen“. Die Fertigung erfolgte teilweise durch Zwangsarbeit von Kriegsgefangenen und „Fremdarbeitern“ und ab August 1944 auch von Häftlingen aus verschiedenen Konzentrationslagern. Während der Jahre des Zweiten Weltkrieges wurden in Sachsen etwa 500.000 ZwangsarbeiterInnen zur Rüstungsproduktion gezwungen. In und um Dresden waren mehr als 240 Unternehmen an der Rüstungsproduktion beteiligt, und das als eine der letzten Regionen bis in die Schlussphase des Krieges. Dresden war bereits im Herbst 1941 unter den 43 Zielstädten des Bomber Command gewesen, 1943 benannte eine Zielinformation Dresden als „Verwaltungszentrum und ein Industriezentrum von beträchtlicher Bedeutung“. Dass die Luftangriffe auf Dresden im Kriegsverlauf relativ spät erfolgten, ist militärischen Strategieüberlegungen und dem Kriegsverlauf geschuldet und keineswegs einer „alliierten Rachelust“ gegen das „Gesamtkunstwerk Dresden“.

Der Krieg und die Angriffe vom 13. bis 15. Februar 1945

Vor der Jalta-Konferenz Anfang Februar 1945 organisierten die westlichen Alliierten eine Offensive mit dem Ziel, den Westen Deutschlands zu schwächen, um eine Invasion vorzubereiten, die Rote Armee zu unterstützen sowie die Treibstoffindustrie und die Verbindungslinien weiter zu zerstören. Das sowjetische Oberkommando hatte schon im Dezember 1944 die US Air Force um Angriffe auf die wichtigsten Bahnlinien im Bereich der südlichen Ostfront gebeten. Die in diesem Zusammenhang entstandene letzte Zielliste des Krieges nennt schließlich Dresden als eines ihrer zehn Ziele, und zwar in seiner Doppelfunktion als funktionierendem Zentrum des NS-Staates und als militärisch wichtiger Stütze der Ostfront, welche die Rote Armee möglichst bald durchschlagen wollte. In diesem Kontext erfolgte in vier Angriffen vom 13. bis 15. Februar der Luftangriff auf Dresden, der das Phänomen des „Feuersturms“ auslöste und etwa 18.000 bis 25.000 Tote zu Folge hatte. Dass der Angriff so verheerend war, erklärt sich auch aus dem Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Faktoren: Das Wetter war für einen Luftangriff ungewöhnlich gut, die Dresdner Flugabwehr war in das Ruhrgebiet abtransportiert worden (was den Alliierten unbekannt war) und die Dresdner Gauleitung hatte es versäumt, auch nur halbwegs ausreichende Luftschutzmaßnahmen zu ergreifen. Bei einem ähnlich schweren Angriff im März 1945 auf Essen, das ein umfangreiches Bunkersystem hatte, starben unter 1000 Menschen, also vergleichsweise wenige. Als die Rote Armee schließlich nach Dresden einrückte, wurde sie erbittert bekämpft; der Kampf um die letzten Häuser in Dresden kostete noch einmal etwa 200 russischen SoldatInnen und einer unbekannten Anzahl fanatischer NationalsozialistInnen das Leben – typisch für die letzten Kriegswochen in Sachsen.

V. Keine „Kriegsgegner“

Im Rahmen der graduellen Veränderung des Gedenkens in Dresden ist es in den letzten Jahren in Mode gekommen, den Nationalsozialismus mit der Vokabel „der Weltkrieg, der von Deutschland ausging“ formal mit zu benennen. Aber auch diese neue Form der entschuldenden Erzählung, jetzt eine Aufrechnung der Toten der sogenannten gleichberechtigten „Kriegsgegner“, verschweigt den Nationalsozialismus als politisches Projekt der damaligen deutschen Gesellschaft. Dem muss entgegengehalten werden, dass das nationalsozialistische Deutschland den Zweiten Weltkrieg als Vernichtungskrieg begann, während die Alliierten ihn führten, um den Nationalsozialismus zu beenden; dass zwar etwa 20.000 Menschen beim alliierten Luftangriff auf Dresden starben, aber über 20.000 Menschen allein durch die brutalen Arbeitsbedingungen bei der Produktion der deutschen „V-Waffen“ getötet wurden. Diese Umdeutung von TäterInnen zu Opfern zeigt den ganzen Zynismus der Dresdner Mythen, die im Übrigen ihren narrativen Ursprung in der Nazi-Propaganda der letzten Kriegsmonate haben. Schon dort war von der unschuldigen Kulturstadt und angeblich 200.000 Opfern die Rede.

Nach dem missglückten Attentat vom 20. Juli 1944 marschierte die Dresdner Garnison unter starker Anteilnahme der Bevölkerung auf den Elbwiesen zur Treuekundgebung für Adolf Hitler auf, zehntausende Menschen kamen zusammen. Am 16. Januar 1945 führte ein Todesmarsch auf dem Weg von Groß-Rosen nach Bergen-Belsen durch Dresden. Während des Angriffs vom 13. Februar 1945 wurde ein Todesmarsch auf die Carola-Brücke gezwungen, die Überlebenden dieses Todesmarsches wurden am 5. Mai 1945 von US-amerikanischen Truppen in der Nähe von Passau aufgefunden. Ein weiterer Todesmarsch lagerte während der Februar-Angriffe in der Nähe Dresdens und wurde am 17. Februar 1945 über die Carola-Brücke geführt.

DRESDEN – BRENNPUNKT DEUTSCHER ERINNERUNGSPOLITIK

Die Deutung der Luftangriffe war immer bestimmt von der aktuellen Politik der Nation: Die Geschichte Dresdens wurde nach 1945 genutzt, um mit der Rede vom deutschen Leid die Einzigartigkeit des Holocausts und den von Deutschland geführten Vernichtungskrieg verblassen zu lassen. In der DDR galten die Luftangriffe außerdem als Symbol für die Barbarei des Imperialismus. In den letzten Jahren haben zwei Entwicklungen zu einer Modernisierung des Dresden-Mythos geführt. Angesichts der Nazi-Aufmärsche haben Stadt und „Zivilgesellschaft“ sich zu einer formalen Benennung des Nationalsozialismus als historischen Kontext der Luftangriffe durchgerungen. Allerdings wird dieser Kontext meist in der universalistischen Rede vom „Jahrhundert des Leids“ (Ex-Bürgermeister Ingolf Roßberg) gleich wieder unsichtbar gemacht. Die Dresdner Geschichte wird in den abstrakten Kosmos von „Krieg“ und „Leid“ eingefasst, als sei der Nationalsozialismus nur eine von zahllosen schrecklichen Geschichten des 20. Jahrhunderts. Dass der Nationalsozialismus überhaupt thematisiert wird, ist dann auch gleich der Beweis für die demokratische Läuterung der deutschen Nation. Die selbstbewusste Betonung der gelungenen Überwindung der nationalsozialistischen Vergangenheit durch Vergangenheitsbewältigung und wirtschaftlichen Wiederaufbau nach 1989, ermöglicht außerdem die Aufnahme in die globale Staatengemeinschaft.

Es ist wichtig, das Dresdner Gedenken nicht als persönliche Trauer misszuverstehen. Was dort Jahr für Jahr passiert, ist die öffentliche Formulierung der aktuellen Version der nationalen Vergangenheitsdeutung. Im alljährlichen Ritual von „stillem Gedenken“, Kerzenschein, Reden und Predigten finden sich die Einzelnen ins Trauerkollektiv und binden sich an eine Version der Vergangenheit, die der gegenwärtigen Politik der Nation entspricht. Die Theatralik des öffentlichen Gedenkens – besonders in ihrer tragischen Form der Erinnerung an vergangenes nationales Leid – unterstützt die Herstellung nationaler Identität. Die Sächsische Zeitung wusste schon vor einigen Jahren: „Dresden könnte deutschlandweites Vorbild werden“. Der viel beschworene nationale Kitt – er wird an solchen Tagen wie dem 13. Februar an solchen Orten wie Dresden angerührt.

Wenn eine radikale Linke mehr vorhat als den militanten Arm des SPD-Ortsvereins zu spielen, dann sollte sie sich am 13. Februar 2010 nicht nur gegen die Freaks wenden, die tatsächlich der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft nachtrauern. Gegen die natürlich auch. Aber sie sollte auch die braven BürgerInnen aufschrecken, die selbstmitleidig vom „menschlichen Leid“ faseln, und damit die Beteiligung der DresdnerInnen am Nationalsozialismus unter den Tisch kehren, um sich ungestört als geläuterte Deutsche fühlen zu können.

Kein Frieden mit dem Dresden-Mythos

Eine Antwort des VK „Keine Versöhnung mit Deutschland“ auf „No pasarán“

In der vergangenen Ausgabe des AIB erschien unter dem Titel „Es geht weiter… Dresden 2010″ ein Text des Bündnisses „No Pasarán“ (NP). Darin wird versucht „ein Fazit zu ziehen, wie die antifaschistische Praxis in Zukunft gestaltet werden muss, um effektiv den Aufmarsch zum Verschwinden zu bringen.“ Als Lösung schlägt NP altbekanntes 1 vor: vorrangige Aufgabe der Antifa sei es nämlich „kontinuierliches“ und „spektrenübergreifendes Engagement aufzubauen“. Außer Frage steht, dass der Naziaufmarsch verhindert werden muss, in der Auseinandersetzung mit dem 13. Februar kann das aber nur ein Teilziel sein.

Problem verkannt?
NP sieht im Naziaufmarsch den Hauptansatzpunkt für die antifaschistische Auseinandersetzung und betrachtet die Situation ausgehend vom Credo, dass dieser verhindert werden muss. Diese Perspektive ist problematisch, weil sie weder die besondere Relevanz des Naziaufmarschs treffend beschreibt 2, noch eine Kritik des bürgerlichen Gedenkens zu leisten vermag. Zur Bedeutung des Naziaufmarschs, dessen Größe für jede/n NazigegnerIn Anlass genug sein sollte aktiv zu werden, heißt es bei NP, es sei der einzige Termin „der extremen Rechten, an dem in solchem Ausmaß an Kontinuitätslinien zum Nationalsozialismus angeknüpft werden kann.“ Dieser NS-Bezug ist jedoch zweitrangig bzw. ein positiver Nebeneffekt, in erster Linie knüpfen die Nazis an die Erzählung von den Deutschen als Opfer des Zweiten Weltkrieges an. Und diese Erzählung ist keine spezifisch nationalsozialistische, sondern eine aktuell deutsche, deren Ursprünge bereits in der nationalsozialistischen Propaganda liegen. Sie entfaltete aber ihre volle Wirkung erst im Nachkriegsdeutschland und entwickelte sich zu einem wirkungsvollen nationale Identität stiftenden, geschichtsrevisionistischen Mythos.

Dieser bietet eben auch den Nazis eine Bühne, auf der sie für ihre Version der Erzählung werben. Dabei unterscheidet sie sich von den bürgerlichen Varianten vor allem dadurch, dass sie Versöhnung ablehnt und für einen offen rassistischen Nationalismus plädiert. Das Projekt der NS-Volksgemeinschaft soll mit der Behauptung, dass die Deutschen „Opfer eines eliminatorischen Antigermanismus“ waren, von der Schuld der Shoa befreit und als kompromissloseste Option eines Nationalismus präsentiert werden. Der Hintergrund vor dem die Nazis ihre Propaganda anbieten, bleibt aber die Erzählung von den Deutschen als Opfer, die auch in ihren bürgerlichen Varianten die Relativierung der Schuld der Deutschen zum Ziel hat. Diese Parallelen geraten aus dem Blick, wenn in der antifaschistischen Auseinandersetzung mit Dresden, die Einordnung des Naziaufmarschs in den gesellschaftlichen Kontext unterbleibt. Die Folge ist, dass zwischen Nazi- und Bürgergedenken ein Gegensatz aufgemacht wird, der jedoch nur ein vordergründiger ist.

Wer blendet hier wen?
Seine Position zum Gedenken deutet NP nur vage an. Sehr allgemein wird ein „kritisch-distanzierter Umgang“ gefordert, worin dieser konkret bestehen soll, bleibt offen. Stattdessen wird der Dresdner Bevölkerung Unfähigkeit attestiert, „sich aus ihrer vermeintlichen Opferrolle zu befreien“ und eine „Verblendung“ beklagt, die sowohl Trauerfeiern als auch städtisches Vorgehen gegen antifaschistische Proteste bestimmen würde. Falsch ist diese Beschreibung wegen der Tendenz Stadt und Bevölkerung als passive, unmündige Wesen erscheinen zu lassen, die aufgrund falscher Informationslage falsche Entscheidungen treffen. Ihr (Nicht-)Handeln basiert aber zu einem großen Teil auf bewußter politischer Entscheidung und ist als solches auch ernst zu nehmen. Andernfalls wird sowohl die Vehemenz, mit der Stadtverwaltung, Polizei und CDU gegen antifaschistische Proteste agieren, verharmlost, als auch die Langlebigkeit des Dresden Mythos verkannt, der sich nicht einfach von wissenschaftlicher Widerlegung bremsen lässt 3. Von ihrer „Verblendungsthese“ ausgehend, ist die Zuversicht mit der NP auf die Versachlichungsbemühungen, durch Historikerkommission und Benennung der „Vorgeschichte“ der Bombardierung Dresdens, reagiert, folgerichtig 4.

NP verkennt so jedoch den Kern des Problems. Dieser Wandel im Gedenken ist u.a. dem Versuch geschuldet, der „Instrumentalisierung des Gedenkens“ durch die Nazis entgegen zu wirken. Die Abgrenzung muss jedoch scheitern, bleibt der eigentliche geschichtsrevisionistische Kern des Gedenkens doch unberührt. Wenn NP schreibt, „ein unreflektierter Blick auf individuelle Trauer erschwert antifaschistische Intervention“, offenbart sich die mangelnde Analyse des 13. Februar-Gedenkens. Einmal davon abgesehen, dass auch „individuelle Trauer“ durchaus kritisierbar wäre, wird hier der politische Gehalt des öffentlichen Gedenkens verkannt. Die überwiegende Anzahl der Veranstaltungen im Rahmen des Gedenkens sind öffentliche Inszenierungen, durch die unterschiedliche politische Botschaften transportiert werden: sie beschwören „ein wahrhaftes Gedenken“, „Versöhnung“, „Dresden als Friedenssymbol“, ein „Recht auf Trauer“ oder ein „Ende des Missbrauch des Gedenkens“. Zudem haben alle Gedenkvarianten am 13. Februar die gemeinsame Grundlage, dass die Deutschen Opfer sind: „Opfer der Alliierten/des Kriegs/der Nazis/der Verhältnisse/…“ Nur über Mittel der Relativierung, Entkonkretisierung und Entkontextualisierung gelingt diese pauschale Verklärung der NS-Bevölkerung, die sich angesichts deren Verstrickung ins NS-Regime verbieten müsste. Es ist aber genau diese Verklärung, die heute auf der nationalen „Spielwiese“ die historische Legitimation besorgt und den positiven Bezug – das Stolz auf Deutschland sein – wieder möglich macht.

Was bleibt?
Die Unschärfe in der Analyse von NP ist nicht zufällig. Sie ist Ergebnis einer Herangehensweise, die einzig den Naziaufmarsch als analytischen Ausgangspunkt hat und jede weitere Kritik am Gedenken für überflüssig erklärt. Der eigene linksradikale Anspruch gerät schnell ins Hintertreffen, wenn es nur noch darum geht, ausreichend viele Menschen zu mobilisieren, die sich dem Aufmarsch entgegenstellen. Das zeigt sich exemplarisch darin, dass die vordergründigen Gegensätze zwischen Nazis und BürgerInnen überbewertet und die Gedenkrituale als Ausdruck individueller Trauer begriffen und folglich entpolitisiert werden. Einer radikalen Linken tut man mit dem Verzicht auf inhaltliche Positionierung keinen Gefallen; einer Kritik an geschichtsrevisionistischer deutscher Geschichtspolitik, die – weil schwierig mobilisierbar – sowieso nur ein Schattendasein fristet, wird damit weiter das Wasser abgegraben.

Genau hierin liegt die Herausforderung für eine radikale Linke am 13. Februar. Es geht um eine Praxis, die der oben umrissenen Analyse Rechnung trägt. Eine Praxis, die den Opfermythos als Legitimation für deutschen Nationalismus begreift und kritisiert. Sie muss sich also gegen das Nazigedenken und die dortige NS-Verherrlichung richten, gleichzeitig aber auch das bürgerliche Gedenken als das begreifen, was es ist: ein positiver Bezug auf eine „ganz normale deutsche“ Bevölkerung, die sich in ihrem Handeln und Nicht-Handeln mit schuldig gemacht hat an Vernichtungskrieg und Shoa; eine Fortsetzung des deutschen Opfermythos; eine Relativierung deutscher Schuld – kurz als geschichtsrevisionistisch.
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(1) vgl. AIB Nr. 70 „Den Preis in die Höhe treiben“ sowie die Antwort des ART Dresden „Der Preis ist falsch berechnet“ http://venceremos.antifa.net/art/news/preisberechnung.htm

(2) Zu begründen warum die Naziaufmärsche rund um den 13. Februar solch eine Anziehungskraft entwickeln, ist NP nicht in der Lage. Die Analyse erscheint geradezu grotesk. Die „jungen Neonazis, die sich gerne einen militanten Habitus zur Selbstinszenierung geben“ sind ja jene, die entgegen JLO und NPD am Aufmarschdatum 13. Februar festhalten.

(3) vgl. AIB Nr. 81 „Der Bericht der Dresdner Historikerkommission“ und Phase 2 Nr. 30 „Das Dresdner Finale“

(4) vgl. 1302dresden.noblog.org, insbesondere „Dresden: Historikerkommission und Phase2″